Es war einfach überfällig. Eigentlich hätte dieses Ereignis schon vor 2 Jahren wieder mal sein sollen, aber es ist eben so, dass ich auch zu den kleinen Feiglingen gehöre, was ich nicht weiß, das beunruhigt mich nicht sonderlich.

Es war wirklich überfällig.

Natürlich weiß ich, dass man bei einer chronischen entzündlichen Veränderung der Darmschleimhaut alle 12  Monate eine Spiegelung machen sollte. Schon berufsbedingt weiß ich das. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, wie unangenehm die Vorbereitung auf so ein Ereignis ist.

Ich zögerte also den  längst fälligen Zeitpunkt immer weiter hinaus, aber nun war es unumstößlich, der Termin stand fest und das Unglück nahm seinen Lauf.

Der Tag vor der Untersuchung beginnt mit dem Gedanken daran, dass dieses Frühstück nun die letzte feste Nahrung ist, die man bis zur Befriedigung des neugierig in das Verdauungsorgan schauenden Halbgottes in weiß zu sich nehmen darf.

Gegen Mittag nur noch ein Süppchen, wie soll ein erwachsener Mensch davon nur satt werden?

Merkwürdig, ich bin doch eigentlich sehr vernünftig, warum schleiche ich eigentlich ständig um den Kühlschrank herum, wie eine Katze um den heißen Brei?

Hab ich im Tiefkühlfach nicht noch die erst kürzlich besorgten Schnitzel? Daraus könnte ich mir ein leckeres Jägerschnitzel machen, Pommes frites zum Aufbacken sind auch noch da, herrje ich werde bis morgen Mittag bestimmt verhungert sein. Niemand wird es wirklich bemerken, wenn mein ausgemergelter lebloser Körper vor dem Kühlschrank meiner Küche liegt. Keiner wird sich wundern, wenn ich nicht ans Telefon gehe, habe ich doch allen Verwandten und Freunden mitgeteilt, dass ich mich auf meine Untersuchung vorbereite und mir dann bestimmt nicht der Sinn auf Telefonate ist.

Also trinke ich todesmutig mit Verachtung den Abführtrunk. Es ist ein anderer las der, den ich sonst bekam. Schmeckt auch nicht ganz so eklig, klar auch die Pharmazie hat sich in den letzten Jahren wohl weiter entwickelt.

Herrlich, war ja gar nicht so schlimm. Ich schütte weisungsgemäß literweise Wasser und Tee in mich hinein, renne alle naslang aufs Klo, ok, die Nieren sind offensichtlich in Ordnung.

Aber wann wirkt denn endlich das Zeugs, das mein Verdauungsorgan reinigen soll? Die Wirkung ist nicht wirklich ein durchschlagender Erfolg.

Es wird Zeit, schlafen zu gehen, schließlich muss ich morgen früh um 5.00 Uhr die nächste Ladung trinken. Leider hatte das Zeugs bis jetzt nur eine stark eingeschränkte Wirkung.

Dann werd ich wohl heute Nacht ständig rennen müssen?

Nichts da, ich schlafe bis 4.30 Uhr wie ein Murmeltier, dann werde ich, vermutlich durch das laute Knurren meines Magens wach. Also rühre ich den nächsten Drink an und trinke. Wenigstens lässt das Hungergefühl für einen kurzen Augenblick nach. Ich schütte also wieder 2 l  Wasser in mich hinein und kann tatsächlich endlich einiges loswerden, allerdings noch weit entfernt von der geforderten Farbe.

Um 9.40 ist mein Termin. „Welche Farbe hat ihr Stuhl?“ fragt die freundliche junge Arzthelferin und sie meint bestimmt nicht meine Küchenstühle, dann hätte ich „blau“ antworten müssen. Also nenne ich ihr die andere Farbe, die mit „B“ anfängt, nämlich braun.

„Hm,“ sagt sie, „dann muss ich mal Herrn Doktor U. fragen, was wir da machen können“.

Die werden doch wohl nicht die ganze Aktion jetzt stoppen? Alles für die Katz? Völlig umsonst gehungert?

Ich bekomme einen neuen Drink, diesmal 1 Liter einer äußerst übel schmeckenden Flüssigkeit, die mir fast den Magen umdreht. Dafür bekomme ich zur Belohnung anschließend wieder 2 Liter Wasser. Ein Blick zur Uhr: Es ist mittlerweile 11.30 Uhr, das, was mein Ausscheidungsorgan so hergibt ist immer noch weit entfernt von klar und blassgelb bis weiß. Dafür werden die Frequenzen immer häufiger.

„Wenn Sie noch einen Liter trinken, dann geht’s schneller“, sagt die nette Assistentin des Halbgottes in weiß. Noch mehr trinken? Himmel, Gesäß und Nähgarn, ich hab Hunger, ich komme mir schon langsam vor wie ein gefüllter Swimmingpool. Und ich werde auch gleich wieder flitzen müssen.Der Weg von dieser Kabine, in der ich schlucke wie ein Wüstenwanderer kurz vor dem Verdursten, bis zur Toilette ist weit.

„Hier bitte, nehmen Sie eine große Inkontinenzeinlage, damit Ihnen auf dem Weg zur Toilette kein Malheur passiert,“ sagt sie mitfühlend und will mir beim Anlegen derselben helfen.

Und just in diesem Moment tut alles, was ich bis dahin in mich reinschütten musste, seine plötzliche und von mir nicht zu beeinflussende Wirkung. Um Punkt 12.00 Uhr erfolgt der Super-GAU, die Kabine steht von jetzt auf gleich unter….nein nicht unter Wasser, sondern na ja, man kann es sich ja denken, bräunlich gesprenkelt. Ach ja, ich vergaß, nicht nur die Kabine, auch meine Schuhe, Socken und meine Beine. „Scheiße“, entfährt es mir.

Im Vorraum der Toilette kann ich mich notdürftig  reinigen und ich beschließe, mich keinen Millimeter mehr vom Klo weg zu bewegen, bis das, was oben reinkam, unten klar wieder rauskommt.

Um 13.00 Uhr ist es dann endlich soweit. Die eigentliche Untersuchung kann beginnen. Nach 10 Minuten ist alles vorbei.

Befund bleibt noch abzuwarten, aber gab es da nicht zu meiner aktiven Zeit als Krankenschwester den Spruch: „Wer in der Scheiße wühlt, hat Glück“??

Manchmal glaube ich an solche Sprichwörter. Vor allen Dingen an einem solchen Scheißtag.

 

Foto: Jens Goetzke / Pixelio.de