Karl der Große
Von mirabelle48, 20:13„Guten Morgen, ich bin der Karl, wie Karl der Große“, sagt Herr Mieser als wir uns das erste Mal auf dem Flur seines Wohnbereiches begegnen.
Ich habe gestern meinen Dienst als Pflegedienstleitung im Marienhaus angetreten.
Die kleine Feier zu meinem Dienstantritt fand im Beisein der Bewohner und der Mitarbeiter statt. Schon da war mir Herr Mieser aufgefallen, weil er im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern sehr interessiert das Geschehen verfolgte und mir bei meiner kleinen Antrittsrede aufmerksam zu hörte.
Herr Mieser lacht. „Nennen Sie mich bitte Karl“ sagt er, „meinen Nachnamen mag ich nämlich überhaupt nicht, das war schon immer so, und jetzt muss ich ihn ja auch nicht mehr hören. Am liebsten würde ich ja noch einmal heiraten und dann den Namen meiner Frau annehmen“, setzt er noch hinzu und lächelt verschmitzt. „ Früher ging so was ja nicht.“
Ohne Zweifel, er ist für seine 84 Jahre ein sehr attraktiver Mann, fast einen Kopf größer als ich, und die vielen kleinen Fältchen um die Augen, zeugen davon, dass er wohl auch immer schon gern gelacht hat. Er lebt schon seit 3 Jahren in diesem Haus, weil er durch einen Schlaganfall linksseitig stark bewegungseingeschränkt ist, und da er keine Angehörigen mehr hat, konnte er nicht mehr allein leben.
Wir setzen uns einen Moment in die Sitzecke des Ganges und ich bitte ihn, mir doch ein wenig mehr von sich zu erzählen. Er spricht wieder sehr flüssig und gut verständlich.
„Leider war das am Anfang nach meinem Schlaganfall nicht so, da kamen immer andere Worte heraus, als ich sagen wollte, und die anderen konnten mich nicht verstehen, aber jetzt klappt es wieder.“
Und er erzählt mir, dass er bereits seit 15 Jahren Witwer ist, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau seinen Sohn durch einen Autounfall verloren hat. Enkel und Geschwister hat er nicht und so lebt er jetzt eben im Marienhaus in der 3. Etage in einem schönen Einzelzimmer.
„Eigentlich fühle ich mich ja auch ganz wohl hier, wenn ich nur etwas mehr Gesellschaft hätte. Viele meiner Mitbewohner sind ja leider nicht mehr klar im Kopf“, und er macht eine eindeutige Geste mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn.
Er hat ja recht, viele Bewohner sind körperlich weitaus besser dran als er, aber leider doch doch schon vergesslich oder verwirrt, so dass er wenig Ansprache hat.
„Vielleicht können SIE mir ja einen Gesprächspartner oder noch lieber eine Gesprächspartnerin organisieren“, sagt er mit spitzbübischem Lächeln.
„Na, dann will ich mal sehen, was ich für Sie tun kann Karl,“ sage ich und setze meinen Rundgang fort.
In der ersten Etage treffe ich auf Frau Müller. Sie hat das gleiche Problem in ihrer Wohngruppe. Auch sie ist körperlich stark eingeschränkt. Sie sitzt wegen einer beidseitigen Unterschenkelamputation im Rollstuhl, mit dem sie sich aber zumindest im Haus gut bewegen kann. Aber auch ihr fehlt es an Ansprache und so vergehen die Tage im Heim für sie auch sehr eintönig und sie verbringt viel Zeit vor dem Fernseher. „Aber viel lieber würde ich mich mal wieder unterhalten,“ seufzt sie. Wie auch Herr Mieser hat sie keine Angehörigen und der einzige Besuch, den sie, wenn auch selten, bekommt, ist der einer ehemaligen Nachbarin. Ich überlege nicht lange. Ich mache die beiden Herrschaften, die sich nur flüchtig vom Sehen kennen, miteinander bekannt. Und siehe da, Frau Müller ist immer häufiger in der 3. Etage anzutreffen. Sie und Herr Mieser haben sich immer viel zu erzählen. Und als in der 3. Etage neben Herrn Mieser das Zimmer frei wird, zieht Frau Müller um.
Nach einigen Monaten duzen sie sich und wir sehen sie Hand in Hand am Tisch sitzen.
Bei den Mahlzeiten hilft sie ihm, er liest ihr die Zeitung vor, weil ihre Augen nicht mehr die besten sind, aber das Erfreulichste ist, dass sie sich immer ganz viel zu erzählen haben, die 80jährige Frau Müller im Rollstuhl und der 84jährige Herr Mieser.
Kurz vor seinem 85. Geburtstag wünscht Karl mich zu sprechen und kommt in mein Büro.
Nach kurzem Herumdrucksen fragt er, ob es nicht möglich ist, in seiner Etage ein Doppelzimmer zu bekommen.
„Wissen Sie, wir möchten nämlich heiraten“.
Leider mussten die beiden Verliebten noch fast 3 monate auf das Doppelzimmer warten.
Als dann beide sich eigerichtet hatten, haben sie es getan, sie haben geheiratet und Karl hieß von da an Herr Müller…
Alle Namen, sowohl die der Bewohner als auch des Hauses, entspringen meiner Fantasie, die Geschichte nicht.








