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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



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Samstag, 25. August 2012

Das muss ja mal gesagt werden...

Von mirabelle48, 11:49


Wenn es im Sommer nachmittags an Lieses Tür klingelt, dann stehen in der Regel, wenn sie öffnet, zwei acht und zehnjährige Kinder davor. Erhitzt vom Spielen, mit schmutzigen Händen und je nach Wetterlage  auch mit verdreckten Schuhen, einem nicht weniger schmuddeligen Fußball unterm Arm, natürlich nicht, ohne im Treppenhaus bis zur ersten Etage einen Höllenlärm zu machen, kleine Jungs können nämlich nicht leise, und begehren Einlass.

Die Begrüßung der beiden Jungs hat  sich inzwischen zu einem Ritual entwickelt: „Oma, wir wollten dich nur mal besuchen“, Küsschen rechts, Küsschen links um dann ganz schnell fort zu fahren: „wir haben Durst, wir müssen dringend auf die Toilette, dürfen wir ein Eis?“

Ob Liese überhaupt ein Eis hat, das wird erst gar nicht gefragt, so etwas ziehen die jungen Herren nicht in Erwägung, kennen sie doch ihre Oma, die mittlerweile gefühlte tausend Euronen allein in diesem Sommer für ihre beiden Fußballhelden ausgegeben hat.

Sie hat, natürlich hat sie.

Beide verspeisen dann genüsslich das Eis, um dann so schnell, wie sie kamen, auch wieder zu verschwinden. Manchmal hat Liese das Gefühl, sie benutzen ihre Wohnung als Halbzeitkabine.

Doch manchmal ist alles ganz anders, so wie gestern zum Beispiel.

Es läutet an der Tür, es ist erstaunlich ruhig im Treppenhaus, Liese staunt. Es kommt nur der Größere der beiden,  fast lautlos die Treppe herauf, hat den Fahrradhelm auf dem Kopf und keinen Fußball unterm Arm und sagt artig: „Hallo Oma, wie geht es dir? Ich habe eine Fahrradtour gemacht und wollte dich mal besuchen.“

Nimmt den Helm ab, hängt ihn ordentlich an den Garderobenhaken und setzt sich in den Sessel. Liese ist verblüfft. Keine Frage nach etwas zu trinken oder nach einem Eis, sondern fast schon beängstigend anmutendes gesittetes Sitzen im Sessel und erzählen, welche Strecke er mit dem Fahrrad abgefahren ist. Liese indessen erkundigt sich interessiert, wie es ihm denn nun nach zwei Tagen auf der weiterführenden Schule gefällt, schließlich ist nun manches anders in seinem Schulleben. Sie hat ihn zusammen mit seinen Eltern bei der Einführungsfeier in der neuen Schule vor zwei Tagen begleitet.

Bereitwillig gibt der junge Mann Auskunft, er fühle sich dort sehr wohl und dann  plötzlich  Schweigen.  Liese empfindet es als abwartend und bricht es schließlich mit der Frage: „Möchtest du vielleicht ein Eis?“ Glucksendes Lachen ist die Folge und die Antwort: „Ach Oma, du weißt doch immer, was ich gerade möchte“. Mit Hingabe wird die kühle Köstlichkeit  gegessen und kaum ist der Mund leer, steht er auf, schnappt sich seinen Fahrradhelm und sagt ganz ernsthaft: „So, ich erweitere jetzt mal meine Fahrradtour. Tschüß Oma, es war schön, dich wieder mal gesehen zu haben“ und ehe Liese sich versieht, ist der nachmittagliche Besuch verschwunden.

 

Liese fragt sich jetzt, was um Himmels Willen ist in den vergangenen zwei Tagen, die sie ihren Enkel nicht gesehen hat, wohl passiert, dass aus dem Rabauken ein höflicher junger Mann geworden ist?

 

Foto: Dieter Schütz / Pixelio.de (bearbeitet)