Kennst du ihn?
Von mirabelle48, 11:01Wie oft hatte sie diese Frage gehört.
Oh ja, und ob sie ihn kannte. Begleitete er sie doch, seit sie denken konnte. Das erste Mal machte sie Bekanntschaft mit ihm, als sie damals beim Rodeln total die Zeit vergaß, mit den anderen Kindern draußen blieb, obwohl es schon längst dunkel war und die Straßenlaternen lange Zeit schon brannten. Nach und nach wurden es immer weniger Kinder, die noch draußen waren, aber sie bemerkte es kaum. Zitternd vor Kälte ging sie dann irgendwann heim, 2 Stunden später als vereinbart. Empfangen wurde sie mit der Frage:
Kennst du ihn?
Und dann lernte sie ihn kennen. Wehren war zwecklos, die Mutter und er waren stärker. Es tat weh, sie verstand es kaum, warum sie so hart bestraft wurde. Sie hatte doch nur die Zeit vergessen.
Intensiver noch machte sie Bekanntschaft mit ihm, als sie beim Nachfüllen des Schulfüllers aus Versehen das Tintenfass umstieß. Entsetzt starrte sie auf den immer größer werdenden See in königsblau, der sich auf ihrem neuen Kleid bildete, das sie trotz Verbotes an diesem Tag zur Schule angezogen hatte, weil sie es ihren Freundinnen stolz hatte zeigen wollen. Und nun bei ihren Hausaufgaben dieses Missgeschick. Das würde Ärger geben, ihre Mutter würde fragen:
Kennst du ihn?
Schnell zog sie das Kleid aus und versteckte es. Aber natürlich fand es ihre Mutter einige Tage später und bemerkte die Tinte. Und das war das erste Mal, dass sie log. Nein sie wisse nicht, wie das Kleid dorthin gekommen sei, nein den Fleck könne sie sich nicht erklären. Ihre Mutter sah sie wütend an und schon kam die erwartete Frage:
Kennst du ihn?
Dann tanzte er auf ihrem Rücken, der Schmerz war fast unerträglich, sie schrie, und je mehr sie schrie, desto wilder wurde er in Mutters Hand. Bis ihr Schreien in ein erschöpftes Wimmern überging.
Und tagelang schlief sie nur auf dem Bauch. Vom Sportunterricht wurde sie befreit, Mutter schrieb eine Entschuldigung, dass sie wegen Unpässlichkeit nicht teilnehmen solle.
Oh ja, sie kannte ihn.
Aber er und sie, sie arrangierten sich. Sie kannten sich mit der Zeit immer besser, immer häufiger log sie, je mehr sie log, umso öfter hörte sie die Frage:
Kennst du ihn?
Ihn, der eigentlich dazu gedacht war, im Hof die Teppiche zu klopfen, Wolken von Staub aus ihnen heraus zu schlagen. Ihn, der immer dann, wenn er nicht gebraucht wurde, ganz unschuldig in der Besenkammer am Haken hing. Ihn, der immer noch da war, obwohl es mittlerweile einen Staubsauger gab und er für die Teppiche nicht mehr benutzt wurde. Ihn, diesen kunstvoll geflochtenen Gegenstand, ihn, den sie fürchtete und hasste. Ihn, der die Kraft und die Macht besaß, die Wahrheit aus ihr herauszuprügeln.
Sie tat einen Schwur und sie hielt ihn: Niemals würde sie ein Kind fragen:
Kennst du ihn ?


