Oh, diese Stimme
Von mirabelle48, 12:24
Dass Stimmen, gerade auch Telefonstimmen, bestimmte Vorstellungen auslösen, hat bestimmt jeder von uns schon mal erlebt.
Nein, nicht die Telefonstimmen der Callcenter-Agents, die lösen bei mir gar nichts aus, allenfalls den Reflex zum Auflegen.
Ich meine in diesem speziellen Fall auch nicht die Telefonstimmen mancher Internetbekanntschaften, die ich die Ehre hatte, schon zu hören. Oder doch, die schon eher, da kommt frau schon mal ins Grübeln…
Während meiner Berufstätigkeit musste ich halt viel telefonieren. Meistens waren es Gespräche, die kurz und sachlich waren.
Und dann plötzlich in diesem Stimmeneinerlei eine männliche Stimme, die mich aufhorchen ließ. Ein neuer Kollege, der in einer anderen Einrichtung unseres Trägers arbeitete, wollte sich per Rundruf wenigstens telefonisch vorstellen, da wir in Zukunft häufiger miteinander zu tun haben würden.
Klar war er in unserer monatlich erscheinenden innerbetrieblichen Infoschrift schon angekündigt worden, aber so etwas liest frau, nimmt es zur Kenntnis und dann ist es auch schon wieder weg.
Jetzt also dieser Anruf. Diese Stimme….Wie soll ich sagen, also tief, sanft, trotzdem kraftvoll, einfach angenehm. Ich horchte auf und das Gespräch dauerte auch einige Zeit, frau hat ja so ihre Strategien, nicht wahr???
Ich machte mir eine genaue Vorstellung davon, wie er aussah: Natürlich, groß, dunkelhaarig, wahrscheinlich hatte er braune Augen? Oder reizvoll wäre natürlich auch der Kontrast, vielleicht doch zu den dunklen Haaren blaue Augen, schlank … bei dieser Stimme musste er ein außergewöhnliches männliches Exemplar sein.
Es folgen noch viele Telefonate und immer mehr verfestigte sich mein Eindruck. Humor hatte er auch noch und sein Lachen nahm mich noch mehr für ihn ein. Kurz, ich erlaubte den ersten Schmetterlingen, in meinem Bauch zu fliegen. Bald ertappte ich mich dabei, dass ich einen Anlass suchte, um ihn „dienstlich“ anzurufen und die Gespräche auch nach Möglichkeit ausdehnte.
Und ich freute mich riesig, als er sagte, dass wir uns ja in Kürze auf der Dienstbesprechung in der Zentrale persönlich begegnen würden. Eigentlich hasste ich diese endlosen Sitzungen, die eine relativ kurze Tagesordnung hatten, sich aber trotzdem wie Gummi in die Länge zögen, weil dann unter dem Punkt „Verschiedenes“ die endlosen Diskussionen erst richtig los gingen, Ende offen….
Diesmal schlief ich in der Nacht vorher schon schlecht, schließlich würde ich „ihn“ endlich kennen lernen. Und dann die Frage aller Fragen, was zieht frau an? Fast wäre ich noch zu spät gekommen, weil ich mich mehrmals umgezogen hatte, bis ich endlich mit mir zufrieden war.
Und dann war ich endlich da. Unser Geschäftsführer war gerade im Gespräch mit einer Kollegin und einem mir nicht bekannten Herrn und ich hörte wie er sagte, Frau A. darf ich Ihnen Ihren neuen Kollegen, Herrn M. vorstellen ?
Ich ging drei Schritte zurück und musste mich erst mal sammeln, der Herr neben ihm sollte wirklich „er“ sein? Einen halben Kopf kleiner als ich, Halbglatze, sehr übergewichtig, aber diese Stimme als er zu der Kollegin sagte: Freut mich sehr, Sie endlich persönlich kennen zu lernen…


