Freie Auswahl
Von mirabelle48, 07:43Von allen Litfasssäulen der Stadt prangt es: Große Herbstkirmes. Liese ist begeistert, seit frühester Kindheit liebt sie die Atmosphäre auf dem Rummelplatz, den Geruch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, das Stimmengewirr der Besucher, die Musik, die aus den Lautsprechern der vielen Fahrgeschäfte dröhnt, wobei wohl jedes versucht, den Nachbarn zu übertönen, laut und dennoch irgendwie passend. Und mittendrin die Schausteller, die über schlecht klingende Mikrophone das geschätzte Publikum auffordern,
ihr Fahrgeschäft zu benutzen, an ihrer Bude zu schießen, Dosen zu werfen oder ihre Lose zu kaufen. Dieses Flair mag Liese, es erinnert sie immer an ihre Kindheit, als natürlich die Fahrgeschäfte ganz andere waren und nur einen Bruchteil dessen kosteten, was heute zu bezahlen ist.
Besonders gefallen hatten Liese immer schon die Losbuden und ihr größter Wunsch war es, einmal einen großen Teddy zu gewinnen. Als kleines Mädchen war sie immer sehr traurig, wenn ihr ein anderes Kind mit einem solchen Hauptgewinn im Arm und strahlenden Augen entgegen kam. Und auch ein bisschen wütend auf ihren Vater, dass er nicht mehr Lose gekauft hatte, bestimmt hätte sie dann den begehrten Teddy gewonnen. Aber ihr Vater blieb hart, Lose für eine Mark und Schluss.
Als sie erwachsen wurde, blieb die Sehnsucht nach einem Teddy. Natürlich hätte sie sich von ihrem Geld längst einen kaufen können, aber das war es nicht, sie wollte ihn gewinnen.
Doch auch wenn sie bei jedem Kirmesbesuch etliche Lose kaufte, sie hatte einfach kein Glück, die meisten Lose waren Nieten und die wenigen, die eine Nummer hatten, ergaben nutzlose Kleinigkeiten, die sie verschenkte oder, wenn es z.B. Pfeffer- und Salzstreuer waren, in der hintersten Ecke des Schrankes verstaute, bis sie dann bei der nächsten Aufräumaktion entsorgt wurden.
Doch wer soviel Pech im Spiel hat, der muss doch Glück in der Liebe haben. Ja, das hat sie, ihr Liebster ist ein Mann, wie sie sich keinen besseren wünschen kann, bis auf einen klitzekleinen Fehler: Er mag keine Kirmes. Bisher sind alle Versuche, ihn dazu zu bewegen, sie zu begleiten, fehlgeschlagen. Aber sie nimmt sich vor, diesmal kommt er nicht umhin, er muss einfach mitkommen. Sie wird sich einfach diesen gemeinsamen Kirmesbummel zum Geburtstag wünschen. Das kann er ihr doch nicht abschlagen, zumal es ihr dreißigster ist.
Liese, gefangen von den Eindrücken des Rummels und ihr Liebster, der sie ein wenig wegen ihrer Begeisterung neckt, schlendern also über den Platz. Alles ist wie immer und als sie an einer Losbude vorbei kommen, will Liese wie immer ihr Glück versuchen. Sie kauft zehn Lose, zieht nach und nach neun aus dem Eimer, den ihr der Verkäufer hinhält, das zehnte zieht der Liebste. Und auch das ist wie immer, Liese hat sieben Nieten gezogen und die beiden anderen werden sicher auch kein Volltreffer sein.
Sie dreht sich frustriert nach ihrem Liebsten um, doch der ist plötzlich verschwunden. Enttäuscht will sie ihre beiden Gewinnlose eintauschen, als sie die Stimme des Losverkäufers hört: „ Und wieder mal hier die freie Auswahl, Glückwunsch der Herr, was hätten Sie denn gern?“
Und ehe sie es richtig begreift, sieht sie ihren Allerliebsten, wie er einen riesengroßen quietschgelben Teddy in Empfang nimmt. Er überreicht ihn ihr schelmisch grinsend mit den Worten: „Hier mein Geburtstagsgeschenk für dich, ich habe für dich das große Los gezogen.“ Und ganz zärtlich, so dass nur sie es hören kann setzt er hinzu „und nicht nur für dich sondern auch mit dir.“ Was Wunder, dass Liese nun mit stolzgeschwellter Brust und glücklich ihren Teddy im Arm hält und sich fühlt wie ein kleines Mädchen.
Der Teddy hat bis heute, fast 35 Jahre später, immer noch seinen Ehrenplatz auf einem kleinen Kinderstühlchen, das Liese damals für ihn besorgte, und Lose kauft Liese heute bei Kirmesbesuchen nur noch für ihre Enkel.


