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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Dienstag, 06. Dezember 2011

Einladung

Von mirabelle48, 13:42


Weihnachtszeit

nicht mehr weit.

Oft auch Zeit der Einsamkeit

 

Lad dich ein,

du sagst nein,

willst lieber alleine sein.

 

Denkst vorerst,

dass du störst,

weil du nicht dazu gehörst.

 

Hör mir zu

grade du,

du gehörst schon lang dazu.

 

Öffne dir

weit die Tür

hab dich auch am Fest gern hier.

 

Ankunft Christ

und du bist

hier, auch wenn ein Tränchen fließt.


Für B.S.

Bild: eigenes

Montag, 05. Dezember 2011

Obacht

Von mirabelle48, 10:31

Dich bewahren

vor Gefahren.

Kleine Menschen hilflos sind.

Voll Vertrauen

auf mich bauen.

Ich geb auf dich Acht mein Kind.

 

Wächst heran.

Eigner Plan.

Gut Gemeintes schluckt der Wind.

Doch ich stehe

in der Nähe

und geb auf dich Acht mein Kind.

 

Bist nun groß.

Lass dich los.

Bist nicht mehr für’s Leben blind.

Offenbarung

durch Erfahrung.

Gib gut auf dich Acht mein Kind.

 



Sonntag, 04. Dezember 2011

Lasst uns froh und munter sein...

Von mirabelle48, 10:08


…und uns wie die Kinder freun…

Kinder sehen die Welt mit ihren eigenen Augen.
Sie schauen zum Himmel und sagen: Schau mal, diese Wolke sieht aus wie ein Haus, oder wie ein Hund oder…oder…
Sie stellen sich vor, dass wenn es regnet, die Engel weinen, oder dass die Engel beim Putzen der Himmelstüren den Eimer mit Wasser umgeschmissen haben, oder dass die Engel ganz viel Pipi machen müssen, oder…oder…
Eine Pfütze wird für sie zum Zauberspiegel, wenn sie mit einem Stock darin herumrühren und ihr Spiegelbild sich verändert.
Und Kinder glauben an den Weihnachtsmann. Sie fragen nicht danach, wie er es schafft, alle Kinder gleichzeitig am Heiligen Abend zu beschenken, sie sehen den Weihnachtsmann mit seinem Schlitten und seinen Rentieren durch die Lüfte sausen und freuen sich, dass es ihn gibt…Und sie besitzen die Fähigkeit, ihre Vorstellungen real zu erleben.

Und gerade jetzt, in der Adventszeit schmunzeln wir Erwachsenen und nicht wenige von uns wünschen sich, diese kindliche Fantasie wieder zu haben, sich die Welt schön zu träumen und sich daran zu erfreuen.

Auch ich freute mich immer wieder, solche fantasievollen Erklärungen aus dem Munde meines Sohnes zu hören. Wenn es in der Vorweihnachtszeit windige Tage gab, dann erklärte er mir: Mama, das sind die Engel, die mit ihren Flügeln ganz schnell hin und her fliegen, damit sie für den Weihnachtsmann bis zum Heiligen Abend alles fertig bekommen.

Und als er einige Tage vor Weihnachten die Kondensstreifen zweier Flugzeuge sah, die sich parallel am blauen, wolkenlosen Himmel hinzogen, die sie verursachenden Flugzeuge nur als glitzernde silberne Punkte zu sehen waren, da war er ganz aufgeregt und sagte in aller Ernsthaftigkeit: Mama, schau, da ist gerade der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten entlang gefahren….

Sollte ich dem Knirps wirklich die profane Wirklichkeit moderner Technik erklären? Ich habe es unterlassen und ich bin froh darüber. 


Kopfzerbrechen bereitete mir allerdings die Frage meiner beiden kleinen Enkel vor zwei Jahren:
Oma, als du klein warst, ist da zu dir der Papa vom Weihnachtsmann gekommen???

 

Bild: eigenes

Samstag, 03. Dezember 2011

Barbarazweige

Von mirabelle48, 08:20

                                                                      

Martin kaut auf seinem Bleistift und überlegt, was er dem Weihnachtsmann nun schreiben soll. Bisher steht auf dem großen Blatt nur mit ungelenker Schrift eines Erstklässlers:

LIBER WEINACHTSMAN !

Sonntag war der 1. Advent gewesen und als sie die erste Kerze auf dem Adventkranz anzündete, hatte Mama gesagt, dass er  in diesem Jahr seinen Wunschzettel doch schon selbst schreiben kann, er hat doch Wünsche zu Weihnachten, oder?

Klar hat er die, ganz viele sogar, eine Carrarabahn wünscht er sich, einen neuen Lederfußball, eine Torwartausrüstung, schließlich spielt er seit dem Sommer im Verein.

Und ein neues Fahrrad, weil doch das, was er zum Geburtstag von Papa bekommen hat, geklaut worden ist.

Das letzte Geschenk, das Papa ihm gemacht hat, zu seinem 7. Geburtstag im August. Als Papa noch da war. Papa, der heute, am 4. Dezember  Geburtstag hat. Martin hat ihm ein Bild gemalt, mit bunten Blumen und einer Sonne drauf und ganz groß ein paar Zweige mit gelben Blüten.

Mama hatte solche Zweige heute morgen wie immer  im Garten geschnitten und in die Vase gestellt. „Das sind Barbarazweige“, hatte sie ihm erklärt, „auch wenn sie jetzt ganz kahl aussehen, zu Weihnachten werden sie voller gelber Blüten sein. Und sie heißen Barbarazweige, weil sie am 4. Dezember, dem Tag der heiligen Barbara geschnitten werden." Und er hatte sein selbst gemaltes Bild vor die Vase gestellt.

Nach der Schule war er mit Mama auf den Friedhof gegangen und hatte Papa seine Zeichnung gebracht. Und er hat ihm erzählt, dass Mama Barbarazweige geschnitten und in die Vase gestellt hat. Danach hatte Mama gesagt, er solle doch nun endlich seinen Wunschzettel schreiben.

Am liebsten würde er dem Weihnachtsmann ja jetzt schreiben, dass er sich Papa zurück wünscht, aber Mama hat gesagt, dass er Wünsche aufschreiben soll, die der Weihnachtsmann auch erfüllen kann.

 Und so schreibt er:

LIBER WEiNACHTSMAN !

ICH  WÜNSCHE  MIR  EINEN  TORWARDANZUG  UND  EINEN  FUSBALL:  UND  ICH  MÖCHTE  AUCH  EINE  CARRERABAN. UND  BITTE  BRING  MIR  AUCH  EIN  FARAD  SO EINS WIE ICH FON  PAPA  HATTE. UND  GRÜSE  PAPA GANS  LIB FON  MIR.

DEIN  MARTIN

 

Foto: Wikipedia

Dienstag, 29. November 2011

Beispiel: Adventkalender

Von mirabelle48, 10:32


Alle Jahre wieder, Lebkuchen und Zimtsterne schon lange vor der Adventzeit in den Supermärkten, Festbeleuchtung in den Straßen, weihnachtlicher Kitsch in den Schaufenstern, trotz Wirtschaftskrise überfüllte Fußgängerzonen in den Städten.

Und ebenso alle Jahre wieder der Ruf nach „Entkommerzialisierung“, der Entschluss, dass dieses Jahr alles anders wird als in den vergangenen Jahren, wir sind doch alle so vernünftig, wir brauchen das nicht, ist doch nur was für die Kinder, die noch an den Weihnachtsmann oder das Christkind glauben.

Was brauchen wir einen Adventkranz oder einen Adventkalender, eine Kerze tut es doch auch, und eine Schale mit Knabberzeug auf dem Tisch reicht. Ist doch alles nur Geschäftemacherei, muss man doch nicht haben.

Und dabei bin ich schon beim Thema. Man mag mich für erzkonservativ und ewig gestrig halten. Ich sehe das alles etwas anders. Wir beklagen vehement den Verfall von Werten, beklagen, dass „früher“ alles anders (besser?) war und sind auf dem besten Wege, eben diese selbst zu zerstören.

Wir in unserer Generation sind es doch, die Traditionen unserer Familien an die Kinder und Enkelkinder weiter geben können. Beispiel: Der Adventkalender. Klar sehen meine Enkelkinder auch im Supermarkt die mit Schokolade oder Überraschungseier gefüllten großen Pappdinger.  ( Gestern sah ich im Supermarkt direkt neben der Kasse soger einen Adventskalender "für Erwachsene". Statt weihnachtlicher Motive auf dem Bild ein Foto eines nur mit einer Badehosr bekleideten jungen Mannes. Was sich hinter den 24 Türen verbarg, entzieht sich meiner Kenntnis, ich bin auch nicht neugierig. )

.Aber sie finden es viel schöner, den von mir mit ihnen vor 2 Jahren gemeinsam gebastelten jetzt zu überprüfen, aus zu bessern und ihn für dieses Jahr wieder tauglich zu machen. Mit Eifer haben sie damals Toilettenpapierrollen gesammelt, sie dann beklebt, mit viel Freude mit der Schablone den Weihnachtsmann gemalt und ausgeschnitten und mit mit gemeinsam dann die einzelnen Rollen auf eine Schnur gezogen. Wie groß war erst die Überraschung, als sie dann in jeder ehemaligen Klopapierrolle vom 1. Dezember an dann jeden Tag eine kleine Süßigkeit vorfanden. Und auch jetzt haben wir zusammen überprüft, ob der Adventskalender das vergangene Jahr heil überstanden hat. Und genau so freudig habe sie wieder mitgeholfen, ihn wieder "tauglich" zu machen.

Sie sind mit Feuereifer dabei, wenn in der Adventzeit gebacken wird, rollen Teig aus, stechen mit unterschiedlichen Förmchen die Plätzchen aus und sind dabei stolz. Was macht es schon, wenn hinterher die Küche aussieht, als hätten die Vandalen dort gehaust?

Sie machen sich Gedanken über die Geschenke, die sie malen oder basteln und freuen sich das selbst gemalte Bild vom Vorjahr gerahmt immer noch in meiner Diele zu finden.

Mir geht es hier dabei weniger um den christlichen Aspekt (der Weihnachtsmann ist beileibe kein christliches Symbol, ebenso wenig wie bunt geschmückte Christbäume), sondern um die Fixpunkte im Jahr, ebenso wie Geburtstag, Ostern, Karneval, Martinssingen oder eben Weihnachten. Anlässe, Bräuche zu pflegen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und somit auch ein Stück Wärme und Geborgenheit zu vermitteln. Auch das ist ein Stück stark machen fürs Leben, Kommerz richtig ein zu ordnen, sich dagegen zu wehren.

Nicht darüber jammern, wie schlecht die Welt ist, beklagen, dass  alles um uns herum seinen Stellenwert verliert,  darüber schimpfen, dass die Jugend oberflächlich und kalt ist, nicht sich sich über Weihnachten lustig machen mit schrillen Weihnachtsmännern und  Weihnachtsfrauen in sexy Kostümchen, sondern selbst etwas tun.  Mit den Kinder gemeinsam.

Zusammen etwas tun, bedeutet auch gleichzeitig, miteinander zu reden, zu erfahren, wie sie denken und ihnen das Gefühl zu geben, dass wir Erwachsenen uns für sie und ihre Sorgen interessieren. 

Und dann zieht vielleicht auch in  uns selbst der ursprüngliche Sinn des Weihnachtsfestes wieder ein, ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Bild: eigenes

Montag, 28. November 2011

Himmel, wie die Zeit doch rennt

Von mirabelle48, 11:15

Himmel, wie die Zeit doch rennt,

und schon haben wir Advent.

Für den Einen Lichterzeit

warm und voll Besinnlichkeit.

 

Die vertrauten Weihnachtslieder,

hört er gern auch dies Jahr wieder.

Und die Weihnachtsbäckerei

ist natürlich auch dabei.

 

Was zum Fest er möcht verschenken,

lagert längst schon in den Schränken,

hat beizeiten nachgedacht,

was den Lieben Freude macht.

 

Für den Andren im Advent,

wenn die erste Kerze brennt,

ist das Fest noch endlos weit

hat dafür doch keine Zeit.

 

Doch drei Tage vor dem Fest

voller Hektik und gestresst

er sich durch das Kaufhaus quält

weil doch ein Geschenk noch fehlt.

 

Und er denkt sich: „Wie entsetzlich,

Weihnachten kommt immer plötzlich“.

 

 


Mittwoch, 23. November 2011

Als der Mond vom Himmel fiel

Von mirabelle48, 11:37


Klamme Kälte kriecht in seinen Körper. Der alte Mann weiß nicht, wie lange er schon gegangen ist, durch diese Vollmondnacht, bis er am Ufer des  Sees angekommen ist. Müde und erschöpft setzt er sich auf eine Bank und schaut auf das Wasser, in dem sich der Mond spiegelt. Woher er gekommen ist und wohin er wollte, das hat er vergessen.

„Der Mond fällt in den See“, denkt er und plötzlich spürt er auch keine Müdigkeit und Kälte mehr.

„Ich muss ihn auffangen,  ich muss den Mond retten, er darf nicht ertrinken.“

Schritt für Schritt geht er auf ihn zu. Dass seine Füße nass werden, stört ihn nicht, was sind schon nasse Füße, wenn man den Mond auffangen muss, bevor er im See ertrinkt?

Schwerer wird es, anstrengender mit jedem Schritt. Das Wasser reicht ihm jetzt schon bis zu den Knien, doch er kann nicht umkehren. Wohin auch, er hat es vergessen. Er muss weiter, immer weiter, er muss den Mond vor dem Ertrinken retten. Als ihn die Kräfte verlassen, lächelt er und ist glücklich…

 

Als sie ihn am nächsten Morgen fanden, sprachen sie von einem Suizid. Dabei hatte er doch nur den Mond auffangen wollen, bevor er im See ertrank.

 

Foto: Viktor Mildenberger / Pixelio.de

Dienstag, 22. November 2011

Schlüsselerlebnis

Von mirabelle48, 09:18


Wenn's überall im Hause schellt,

der Hund der Nachbarin laut bellt,

dann ist mir unverzüglich klar,

dass das der Briefträger wohl war.

 

Und weil ich dringend Post erwartet,

bin ich schnell wie der Blitz gestartet

und lauf erwartungsvoll und munter

zum Briefkasten die Treppen runter

 

und merke, unten angekommen,

hab nicht den Schlüssel mitgenommen

zu öffnen für die Post den Kasten.

Schnell sieht man mich nach oben hasten.

 

Komm außer Atem oben an,

zu meinem Pech seh ich sodann

die Tür zu meiner Wohnung ist

ins Schloss gefallen, so ein Mist.

 

Doch Frau baut vor für solche Fälle

weil sie ja klug ist und auch helle,

sie hat dem Sohn im Haus daneben

einen Ersatzschlüssel gegeben.

 

Nur nützt das nichts, wie sie erkennt,

wenn der Herr Sohn ist nicht präsent.

Da hilft kein Ärger und kein Fluchen,

ich muss nach einer Lösung suchen.

 

So schwinge ich mich auf mein Rad

und strample durch die halbe Stadt,

dorthin, wo sich der Sohn aufhält,

und wo er sich verdient sein Geld.

 

Und durch die halbe Stadt zurück,

laut jammernd über mein Geschick.

So gegen Mittag komm ich dann

völlig erschöpft zu Hause an.

 

Als endlich ich ins Postfach schau

da wird es mir im Magen flau.

Kein Brief, den dringlich ich erwarte,

nur eine bunte Werbekarte.

 


Samstag, 19. November 2011

Später

Von mirabelle48, 19:47

Fang mit mir die Sonnenstrahlen,

golden zeigt die Welt sich heut.

Doch dir ist nur eingefallen:

Heute hab ich keine Zeit.

 

Lass uns Regentropfen zählen,

die in Pfützen Kreise zieh’n.

Sagst, die Zeit würde dir fehlen,

hast heut Arbeit nur im Sinn.

 

Mit den Wolken lass uns reisen,

zu noch unentdeckten Ländern.

Sich dafür heut loszueisen,

geht nicht, ist auch nicht zu ändern.

 

Mit dem Herbstwind lass uns singen,

du und ich mit ihm im Chor.

Morgen vielleicht kannst du’s bringen,

heut steh’n Pflichten noch davor.

 

Morgen, sagst du, mach ich alles,

was heut wirklich gar nicht geht.

Doch bedenk, im Fall des Falles,

ist es morgen schon zu spät.

 


Donnerstag, 17. November 2011

Alter

Von mirabelle48, 12:25

Alt bin ich mittlerweile schon an Jahren

der größte Teil des Weges ist bezwungen.

In meinem Leben musste ich erfahren:

Manches ging schief, doch viel ist auch gelungen.

 

In mein Gesicht schrieb mir das Leben Falten

Sie zeugen davon, was das Schicksal machte.

Ich möchte jede einzelne behalten,

weil ich oft weinte, doch noch öfter lachte.

 

Es  zwickt auch manchmal schon in den Gelenken,

die Schritte sind nicht mehr ganz so rapide,

doch immer noch  gelingt es mir, zu denken,

mein Geist ist wach und lange noch nicht müde.

 

Auf nichts, was ich erlebt, möcht  ich verzichten,

ich wäre auch nicht gern noch einmal jung.

Denn eines hatte ich dereinst mitnichten:

Den großen Schatz meiner Erinnerung.

 


 


Mittwoch, 09. November 2011

Geschichten zur Geschichte

Von mirabelle48, 13:26

An das erste wichtige Ereignis kann ich mich allerdings nicht erinnern, da war ich gerade mal 2 Monate alt, das war die Währungsreform 1948.

Meine erste Erinnerung an ein „großes“ Ereignis habe ich an den März 1953. Es war der Tod Stalins. Nicht nur in Berlin, auch in Rostock wurde ihm zu Ehren ein Umzug veranstaltet. Ich war 5 knapp Jahre alt und erst  seit einigen Tagen im Kindergarten, bis dahin verbrachte ich die meiste Zeit bei meiner Oma. Es fiel mir sehr schwer, mich in den Ablauf in der Gruppe ein zu fügen  und  als wir alle uns an die Fenster stellen mussten um den Trauerzug auf der Straße aufmerksam zu betrachten,  löste das überhaupt keine Begeisterung in mir aus, im Gegenteil, die vielen Menschen auf der Straße machten mir Angst. Dass dann Tränen flossen, lag nicht daran, dass der Repräsentant unseres Bruderstaates verstorben war, sondern an der Angst, die ich hatte. Zwei Jahre später gingen meine Eltern mit mir in den Westen.

Der Tag des Mauerbaus 1961 wird immer unauslöschlich in meinem Gedächtnis bleiben, an diesem Tag erfuhr ich, dass meine Mutter schwanger war. Das 13jährige Mädchen beschäftigte diese Nachricht zunächst wesentlich mehr als die Tatsache, dass mein Vater befürchtete, es könnte einen neuen Krieg geben. Damit hatte ich keine Erfahrung und konnte mir noch nicht soviel darunter vorstellen.

Die Nachricht, dass John F. Kennedy ermordet wurde, bekam ich von meinem Vater, als ich ihm noch schnell, bevor ich in die Schule musste, eine mal wieder völlig verpatzte Mathearbeit zur Unterschrift vorlegte. Ausnahmsweise unterschrieb er  ohne mir mangelnden Fleiß vor zu werfen. Die Tragweite des Attentats erfasste ich erst,  als wir auch in der Schule dann darüber sprachen.

Die Übertragung der Mondlandung 1969 habe ich verpasst, unser Fernseher ging gerade an diesem Tag kaputt. Erst später wurde mir bewusst, welch Bahn brechendes Ereignis ich dadurch nicht live miterlebt habe.

Als 1973 wegen der Ölkrise der autofreie Sonntag ausgerufen wurde, war meine größte Sorge an diesem Tag zunächst, ob alle eingeladenen Gäste wohl pünktlich zum Taufgottesdienst für meinen Sohn erscheinen würden. Vor allen Dingen hoffte ich, die Taufpaten würden pünktlich sein. Es klappte, wenn auch knapp.

Zur Zeit der Wende 1989 lebte ich wegen einer Weiterbildungsmaßnahme während der Woche 300 km von meinem Wohnort  entfernt und fuhr nur an den Wochenenden nach Hause. Normalerweise immer am Freitag. Diesmal fielen jedoch wegen einer Erkrankung eines Dozenten am Freitag einige Stunden aus. So beschloss ich, bereits am Donnerstag, dem 9. November, zu fahren. Es ist zwar nicht ganz fair, aber ich bin den Grippeviren heute noch dankbar, dass sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt den Dozenten erwischten.

Sie ermöglichten es mir,  die Ereignisse zu Hause gemeinsam mit meinem Sohn am Fernseher zu verfolgen. Was wir dabei empfanden, ist schwer in Worte zu fassen und auch das hat sehr persönliche Hintergründe. Eines aber war uns klar, es war ein Ereignis, das in die Geschichte eingehen würde und wir durften es gemeinsam erleben, heute vor genau 22 Jahren.

PS.

Das Foto zu diesem Text machte ich am 30.6.1990, einen Tag vor der Währungsunion, an der Berliner Mauer. Auch ich betätigte mich als Mauerspecht, habe einen kleinen Stein heraus gehauen und mit nach Hause genommen. Ich ritzte das Datum ein und bewahre ihn seither sorgfältig auf.

Dienstag, 08. November 2011

Schrei in der Nacht

Von mirabelle48, 09:35

Was war das doch für ein wunderbarer Tag gewesen.  Wieder einmal verbrachten sie ihren Urlaub an der italienischen Adria.
Sie hatten einen Faulenzertag am Strand verbracht, und abends sich im Kreise ihrer italienischen Freunde das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft angeschaut. Deutschland gegen Italien 1982 und das  als einzige Deutsche in dieser Runde.

Später hatten sie mit den Freunden gemeinsam den italienischen Sieg mit einer Flasche Rotwein gefeiert und als sie dann wieder in ihrem Hotelzimmer waren, hatten sie sich geliebt, zärtlich und gut, wie so oft schon in den sechs Jahren, die sie zusammen waren. Erschöpft, aber glücklich und entspannt waren sie eingeschlafen.

Durch ein lautes „Nein, Nein“ wurde sie jäh aus dem Schlaf gerissen. Dass er häufig mal unruhig schlief, sich im Bett hin und her wälzte, das war sie gewohnt.
Doch dieses Rufen voller Panik und Schrecken im Schlaf hatte sie noch nie erlebt. Er musste einen schrecklichen Albtraum haben, er schlief immer noch, aber immer wieder rief er entsetzt: „Nein, nein“, und sie sah, dass er im Schlaf weinte.

Nie hatte sie ihn weinen sehen, diesen Mann, der einundzwanzig Jahre älter war als sie, der immer souverän  war, den sie liebte und der ihr immer ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen vermittelte.
Sanft weckte sie ihn. Und den Rest der Nacht redete er.

Siebzehn Jahre alt war er, als er für Führer und Vaterland  1943 in den schrecklichen Krieg geschickt wurde, sehr schnell an die Ostfront. In einem Alter, in dem junge Menschen heute gerade die Schule beenden, sich um einen Ausbildungsplatz bemühen, in Discos tanzen, erste Lieben erleben, sah er Kameraden sterben, musste selbst töten, um nicht getötet zu werden und geriet in russische Gefangenschaft.

Vier lange, entbehrungsreiche Jahre in einem Gefangenenlager in Sibirien mit Elend, Hunger und Tod aber dem unbändigen Willen, es zu schaffen, eines Tages wieder nach Hause zu kommen, Eltern und Geschwister wieder zu sehen.

Ein Schicksal, das er mit unzähligen anderen Soldaten teilte, letztendlich aber froh, es überlebt zu haben und tatsächlich 1949 in seine Heimatstadt zurückkehren zu können.
Dreiundzwanzig war er nun, nur wenige Freunde seiner Kinder- und frühen Jugendzeit waren noch da, viele waren gefallen oder es hatte sie in andere Gegenden verschlagen.
Mit denen, die er traf, versuchte er die schrecklichen Jahre zu verdrängen. Man ging am Samstag gemeinsam in die nach und nach entstehenden Tanzcafes, tanzte zu amerikanischen Jazzrhythmen, trank, soviel man eben vertragen konnte und schleppte so manches Mädel ab, jedes Mal ein anderes, man hatte so vieles nachzuholen.
Montags bis freitags der brave Sohn, der arbeiten ging und fleißig war, am Wochenende der große Aufreißer.

Lebensfreude pur, hätte es da nicht die Nächte gegeben, in denen die Schatten des Erlebten ihn einholten. Dass er nur auf dem Boden schlafen konnte, weil das Bett ihm fremd geworden war,  er sich die Ohren zuhielt, weil er Schreie verwundeter und sterbender Kameraden hörte und glaubte, sie auf diese Weise leiser werden zu lassen, die Hände auf die Augen legte, weil ihn die aufblitzenden Mündungsfeuer von Gewehren blendeten, unter der Decke Schutz vor detonierenden Granaten suchte, schrie vor Angst und Entsetzen, um dann schweißgebadet aufzuwachen und zu erkennen, er hatte es überlebt.

Grausam waren sie, diese Nächte, doch der Tag verscheuchte die Vergangenheit, ließ ihn wieder zu einem funktionierenden Mann werden. Zielstrebig im Beruf, ehrgeizig den Erfolg suchend, freizügig und lebenshungrig in seiner Freizeit, alle sich bietenden Annehmlichkeiten aufsaugend.

Seltener wurden sie mit den Jahren, diese dunklen Nächte mit ihren schwarzen Schatten, immer seltener, ebenso wie sich sein Lebenshunger in normalere Bahnen zurück bewegte.
Seit  einigen Jahren glaubte er, sie besiegt zu haben, die Dämonen der Vergangenheit, doch heute hatten sie ihn mal wieder heimgesucht.

Sie hielt ihn in ihren Armen und hatte fassungslos zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Niemals vorher hatte er ihr von dieser Zeit erzählt, und er tat es auch danach in den folgenden vierundzwanzig gemeinsamen Jahren niemals mehr.

Aber er hat auch niemals mehr im Traum geschrieen.



Bild: dunkelklang / pixelio.de

Samstag, 05. November 2011

Ein Zimmer für Herrn K.

Von mirabelle48, 10:40

Wie immer war es dringend, äußerst dringend.

Alle Anträge auf einen Heimplatz in unserem Haus waren dringend, zumal wir eine Facheinrichtung waren zur Betreuung von an Demenz erkrankten Senioren, die körperlich durchaus noch fit waren.

Hinter jedem „Antrag zur Heimaufnahme“ stand eine Notlage. Sei es, dass die Patienten aus der Klinik entlassen werden sollten und niemand die Rund-um-die–Uhr-Betreuung übernehmen konnte, sei es, dass die bisher pflegenden Ehegatten selbst alt und am Ende ihrer Kräfte waren.  Und wie immer, wenn ich einen Platz zu vergeben hatte, wollte ich die infrage kommenden neuen Mitbewohner kennen lernen,  schließlich war es nicht nur für sie, sondern auch für die bereits in unserem Haus lebenden Bewohner wichtig, dass sie zueinander passten. Meist besuchte ich die zukünftigen Bewohner dort, wo sie gerade lebten, häufig aber kamen sie auch in Begleitung der sie betreuenden Personen zu uns ins Heim.

Heute ging es um den 78jährigen Herrn K. Aus den Akten wusste ich, dass er nach seiner stationären Behandlung in der Geronto-Psychiatrie von seiner 72jährigen Ehefrau zu Hause versorgt wurde. Kinder, die sie hätten unterstützen können, hatten sie nicht. Die Alzheimer-Erkrankung war immer weiter fortgeschritten und nun war Frau K. am Ende ihrer Kraft.

Als ich das Ehepaar sah, wusste ich warum. Frau K. war eine kleine, zierliche Frau, der das Gehen offensichtlich schwer fiel,  Herr K. ein 1,90m großer, kräftiger Mann, der sportlich durchtrainiert wirkte. Aus den Unterlagen wusste ich, dass er bis vor ein paar Jahren ein begeisterter Wanderer gewesen war. Überhaupt war er eine imposante Erscheinung. Er hatte volles, silbrigweißes Haar und ein lustig listiges Funkeln in seinen Augen. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, deutete er einen Handkuss an. Ich war verblüfft.

Frau K. lächelte etwas gequält. „Das hat er immer schon bei jungen Frauen so gemacht,“ sagte sie, „seinen Charme hat er trotz der Krankheit nicht verloren. Er war auch früher ein echter Schwerenöter. Aber er kann leider nur noch zusammenhanglose Worte sprechen“.

„Herr K.“, wandte ich mich nun an ihn, „ich würde Ihnen gern unser Haus zeigen. Und vielleicht  gefällt es Ihnen ja bei uns?“ „Ja, ja, ja“, antwortete er. Ich hatte Mühe bei dem Rundgang, seinen forschen Schritt etwas zu bremsen, damit Frau K. uns folgen konnte. Und jedes Erklären, jede Frage beantwortete Herr K. mit einem „Ja, ja, ja“. Offenbar hatte er die Fähigkeit zu sprechen, weitestgehend verloren.

Als wir uns der Wohngruppe näherten, in die er eventuell einziehen sollte, hörten wir, dass dort gerade gesungen wurde und die Musiktherapeutin begleitete auf der Gitarre. Herr K. beschleunigte seine Schritte und schaute interessiert zu. Als das Lied beendet war, ging er auf die Therapeutin zu, nahm ihr die Gitarre aus der Hand und fing an zu spielen. Und fast ohne im Text zu stolpern sang er die erste Strophe von „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Mit einem charmanten Lächeln, einer angedeuteten Verbeugung und einem „Ja,ja,ja“ reichte er ihr die Gitarre zurück.

Am nächsten Tag wurden seine Möbel und seine eigene Gitarre angeliefert und er zog bei uns ein. Und mit Gitarre wanderte er, solange seine Körperkraft es zuließ, bei Wind und Wetter durch unseren großen Garten.

Frau K. unterzog sich endlich einer Hüft-Operation und besuchte nach ihrer Reha ihren Mann täglich.

 

Bild: eigenes

Freitag, 04. November 2011

Verdacht

Von mirabelle48, 16:44

Schnell ist ein Verdacht

öffentlich gemacht.

Wer ihn aufgebracht

noch darüber lacht,

dass es nun wohl kracht,

er genießt die Schlacht.

Doch er habe Acht,

denn oft über Nacht

schneller als gedacht

kriegt er selbst die Tracht.

 

Donnerstag, 03. November 2011

November

Von mirabelle48, 10:47

Nebelgraue trübe Zeit,

auf den Wegen totes Laub.

Zeichen von Vergänglichkeit,

Blätter werden bald zu Staub.

 

Schon vorbei ihr Tanz des Lebens,

rings umher Melancholie.

Sich zu wehren ist vergebens,

wirst einst Staub sein so wie sie.