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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



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Samstag, 05. November 2011

Ein Zimmer für Herrn K.

Von mirabelle48, 10:40

Wie immer war es dringend, äußerst dringend.

Alle Anträge auf einen Heimplatz in unserem Haus waren dringend, zumal wir eine Facheinrichtung waren zur Betreuung von an Demenz erkrankten Senioren, die körperlich durchaus noch fit waren.

Hinter jedem „Antrag zur Heimaufnahme“ stand eine Notlage. Sei es, dass die Patienten aus der Klinik entlassen werden sollten und niemand die Rund-um-die–Uhr-Betreuung übernehmen konnte, sei es, dass die bisher pflegenden Ehegatten selbst alt und am Ende ihrer Kräfte waren.  Und wie immer, wenn ich einen Platz zu vergeben hatte, wollte ich die infrage kommenden neuen Mitbewohner kennen lernen,  schließlich war es nicht nur für sie, sondern auch für die bereits in unserem Haus lebenden Bewohner wichtig, dass sie zueinander passten. Meist besuchte ich die zukünftigen Bewohner dort, wo sie gerade lebten, häufig aber kamen sie auch in Begleitung der sie betreuenden Personen zu uns ins Heim.

Heute ging es um den 78jährigen Herrn K. Aus den Akten wusste ich, dass er nach seiner stationären Behandlung in der Geronto-Psychiatrie von seiner 72jährigen Ehefrau zu Hause versorgt wurde. Kinder, die sie hätten unterstützen können, hatten sie nicht. Die Alzheimer-Erkrankung war immer weiter fortgeschritten und nun war Frau K. am Ende ihrer Kraft.

Als ich das Ehepaar sah, wusste ich warum. Frau K. war eine kleine, zierliche Frau, der das Gehen offensichtlich schwer fiel,  Herr K. ein 1,90m großer, kräftiger Mann, der sportlich durchtrainiert wirkte. Aus den Unterlagen wusste ich, dass er bis vor ein paar Jahren ein begeisterter Wanderer gewesen war. Überhaupt war er eine imposante Erscheinung. Er hatte volles, silbrigweißes Haar und ein lustig listiges Funkeln in seinen Augen. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, deutete er einen Handkuss an. Ich war verblüfft.

Frau K. lächelte etwas gequält. „Das hat er immer schon bei jungen Frauen so gemacht,“ sagte sie, „seinen Charme hat er trotz der Krankheit nicht verloren. Er war auch früher ein echter Schwerenöter. Aber er kann leider nur noch zusammenhanglose Worte sprechen“.

„Herr K.“, wandte ich mich nun an ihn, „ich würde Ihnen gern unser Haus zeigen. Und vielleicht  gefällt es Ihnen ja bei uns?“ „Ja, ja, ja“, antwortete er. Ich hatte Mühe bei dem Rundgang, seinen forschen Schritt etwas zu bremsen, damit Frau K. uns folgen konnte. Und jedes Erklären, jede Frage beantwortete Herr K. mit einem „Ja, ja, ja“. Offenbar hatte er die Fähigkeit zu sprechen, weitestgehend verloren.

Als wir uns der Wohngruppe näherten, in die er eventuell einziehen sollte, hörten wir, dass dort gerade gesungen wurde und die Musiktherapeutin begleitete auf der Gitarre. Herr K. beschleunigte seine Schritte und schaute interessiert zu. Als das Lied beendet war, ging er auf die Therapeutin zu, nahm ihr die Gitarre aus der Hand und fing an zu spielen. Und fast ohne im Text zu stolpern sang er die erste Strophe von „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Mit einem charmanten Lächeln, einer angedeuteten Verbeugung und einem „Ja,ja,ja“ reichte er ihr die Gitarre zurück.

Am nächsten Tag wurden seine Möbel und seine eigene Gitarre angeliefert und er zog bei uns ein. Und mit Gitarre wanderte er, solange seine Körperkraft es zuließ, bei Wind und Wetter durch unseren großen Garten.

Frau K. unterzog sich endlich einer Hüft-Operation und besuchte nach ihrer Reha ihren Mann täglich.

 

Bild: eigenes