Schrei in der Nacht
Von mirabelle48, 09:35Was war das doch für ein wunderbarer Tag gewesen. Wieder einmal verbrachten sie ihren Urlaub an der italienischen Adria.
Sie hatten einen Faulenzertag am Strand verbracht, und abends sich im Kreise ihrer italienischen Freunde das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft angeschaut. Deutschland gegen Italien 1982 und das als einzige Deutsche in dieser Runde.
Später hatten sie mit den Freunden gemeinsam den italienischen Sieg mit einer Flasche Rotwein gefeiert und als sie dann wieder in ihrem Hotelzimmer waren, hatten sie sich geliebt, zärtlich und gut, wie so oft schon in den sechs Jahren, die sie zusammen waren. Erschöpft, aber glücklich und entspannt waren sie eingeschlafen.
Durch ein lautes „Nein, Nein“ wurde sie jäh aus dem Schlaf gerissen. Dass er häufig mal unruhig schlief, sich im Bett hin und her wälzte, das war sie gewohnt.
Doch dieses Rufen voller Panik und Schrecken im Schlaf hatte sie noch nie erlebt. Er musste einen schrecklichen Albtraum haben, er schlief immer noch, aber immer wieder rief er entsetzt: „Nein, nein“, und sie sah, dass er im Schlaf weinte.
Nie hatte sie ihn weinen sehen, diesen Mann, der einundzwanzig Jahre älter war als sie, der immer souverän war, den sie liebte und der ihr immer ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen vermittelte.
Sanft weckte sie ihn. Und den Rest der Nacht redete er.
Siebzehn Jahre alt war er, als er für Führer und Vaterland 1943 in den schrecklichen Krieg geschickt wurde, sehr schnell an die Ostfront. In einem Alter, in dem junge Menschen heute gerade die Schule beenden, sich um einen Ausbildungsplatz bemühen, in Discos tanzen, erste Lieben erleben, sah er Kameraden sterben, musste selbst töten, um nicht getötet zu werden und geriet in russische Gefangenschaft.
Vier lange, entbehrungsreiche Jahre in einem Gefangenenlager in Sibirien mit Elend, Hunger und Tod aber dem unbändigen Willen, es zu schaffen, eines Tages wieder nach Hause zu kommen, Eltern und Geschwister wieder zu sehen.
Ein Schicksal, das er mit unzähligen anderen Soldaten teilte, letztendlich aber froh, es überlebt zu haben und tatsächlich 1949 in seine Heimatstadt zurückkehren zu können.
Dreiundzwanzig war er nun, nur wenige Freunde seiner Kinder- und frühen Jugendzeit waren noch da, viele waren gefallen oder es hatte sie in andere Gegenden verschlagen.
Mit denen, die er traf, versuchte er die schrecklichen Jahre zu verdrängen. Man ging am Samstag gemeinsam in die nach und nach entstehenden Tanzcafes, tanzte zu amerikanischen Jazzrhythmen, trank, soviel man eben vertragen konnte und schleppte so manches Mädel ab, jedes Mal ein anderes, man hatte so vieles nachzuholen.
Montags bis freitags der brave Sohn, der arbeiten ging und fleißig war, am Wochenende der große Aufreißer.
Lebensfreude pur, hätte es da nicht die Nächte gegeben, in denen die Schatten des Erlebten ihn einholten. Dass er nur auf dem Boden schlafen konnte, weil das Bett ihm fremd geworden war, er sich die Ohren zuhielt, weil er Schreie verwundeter und sterbender Kameraden hörte und glaubte, sie auf diese Weise leiser werden zu lassen, die Hände auf die Augen legte, weil ihn die aufblitzenden Mündungsfeuer von Gewehren blendeten, unter der Decke Schutz vor detonierenden Granaten suchte, schrie vor Angst und Entsetzen, um dann schweißgebadet aufzuwachen und zu erkennen, er hatte es überlebt.
Grausam waren sie, diese Nächte, doch der Tag verscheuchte die Vergangenheit, ließ ihn wieder zu einem funktionierenden Mann werden. Zielstrebig im Beruf, ehrgeizig den Erfolg suchend, freizügig und lebenshungrig in seiner Freizeit, alle sich bietenden Annehmlichkeiten aufsaugend.
Seltener wurden sie mit den Jahren, diese dunklen Nächte mit ihren schwarzen Schatten, immer seltener, ebenso wie sich sein Lebenshunger in normalere Bahnen zurück bewegte.
Seit einigen Jahren glaubte er, sie besiegt zu haben, die Dämonen der Vergangenheit, doch heute hatten sie ihn mal wieder heimgesucht.
Sie hielt ihn in ihren Armen und hatte fassungslos zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Niemals vorher hatte er ihr von dieser Zeit erzählt, und er tat es auch danach in den folgenden vierundzwanzig gemeinsamen Jahren niemals mehr.
Aber er hat auch niemals mehr im Traum geschrieen.
Bild: dunkelklang / pixelio.de


