Geschichten zur Geschichte
Von mirabelle48, 13:26
An das erste wichtige Ereignis kann ich mich allerdings nicht erinnern, da war ich gerade mal 2 Monate alt, das war die Währungsreform 1948.
Meine erste Erinnerung an ein „großes“ Ereignis habe ich an den März 1953. Es war der Tod Stalins. Nicht nur in Berlin, auch in Rostock wurde ihm zu Ehren ein Umzug veranstaltet. Ich war 5 knapp Jahre alt und erst seit einigen Tagen im Kindergarten, bis dahin verbrachte ich die meiste Zeit bei meiner Oma. Es fiel mir sehr schwer, mich in den Ablauf in der Gruppe ein zu fügen und als wir alle uns an die Fenster stellen mussten um den Trauerzug auf der Straße aufmerksam zu betrachten, löste das überhaupt keine Begeisterung in mir aus, im Gegenteil, die vielen Menschen auf der Straße machten mir Angst. Dass dann Tränen flossen, lag nicht daran, dass der Repräsentant unseres Bruderstaates verstorben war, sondern an der Angst, die ich hatte. Zwei Jahre später gingen meine Eltern mit mir in den Westen.
Der Tag des Mauerbaus 1961 wird immer unauslöschlich in meinem Gedächtnis bleiben, an diesem Tag erfuhr ich, dass meine Mutter schwanger war. Das 13jährige Mädchen beschäftigte diese Nachricht zunächst wesentlich mehr als die Tatsache, dass mein Vater befürchtete, es könnte einen neuen Krieg geben. Damit hatte ich keine Erfahrung und konnte mir noch nicht soviel darunter vorstellen.
Die Nachricht, dass John F. Kennedy ermordet wurde, bekam ich von meinem Vater, als ich ihm noch schnell, bevor ich in die Schule musste, eine mal wieder völlig verpatzte Mathearbeit zur Unterschrift vorlegte. Ausnahmsweise unterschrieb er ohne mir mangelnden Fleiß vor zu werfen. Die Tragweite des Attentats erfasste ich erst, als wir auch in der Schule dann darüber sprachen.
Die Übertragung der Mondlandung 1969 habe ich verpasst, unser Fernseher ging gerade an diesem Tag kaputt. Erst später wurde mir bewusst, welch Bahn brechendes Ereignis ich dadurch nicht live miterlebt habe.
Als 1973 wegen der Ölkrise der autofreie Sonntag ausgerufen wurde, war meine größte Sorge an diesem Tag zunächst, ob alle eingeladenen Gäste wohl pünktlich zum Taufgottesdienst für meinen Sohn erscheinen würden. Vor allen Dingen hoffte ich, die Taufpaten würden pünktlich sein. Es klappte, wenn auch knapp.
Zur Zeit der Wende 1989 lebte ich wegen einer Weiterbildungsmaßnahme während der Woche 300 km von meinem Wohnort entfernt und fuhr nur an den Wochenenden nach Hause. Normalerweise immer am Freitag. Diesmal fielen jedoch wegen einer Erkrankung eines Dozenten am Freitag einige Stunden aus. So beschloss ich, bereits am Donnerstag, dem 9. November, zu fahren. Es ist zwar nicht ganz fair, aber ich bin den Grippeviren heute noch dankbar, dass sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt den Dozenten erwischten.
Sie ermöglichten es mir, die Ereignisse zu Hause gemeinsam mit meinem Sohn am Fernseher zu verfolgen. Was wir dabei empfanden, ist schwer in Worte zu fassen und auch das hat sehr persönliche Hintergründe. Eines aber war uns klar, es war ein Ereignis, das in die Geschichte eingehen würde und wir durften es gemeinsam erleben, heute vor genau 22 Jahren.
PS.
Das Foto zu diesem Text machte ich am 30.6.1990, einen Tag vor der Währungsunion, an der Berliner Mauer. Auch ich betätigte mich als Mauerspecht, habe einen kleinen Stein heraus gehauen und mit nach Hause genommen. Ich ritzte das Datum ein und bewahre ihn seither sorgfältig auf.


