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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Dienstag, 23. Oktober 2012

Herbstabend

Von mirabelle48, 11:09


Sanft gleitet in den Abend schon der Tag,

ganz zärtlich hüllt ihn ein die  Dämmerung.

Der Wind  geht schlafen, weil er nicht mehr mag.

Im Startblock sitzt die Nacht schon auf dem Sprung.

 

Und wie auf eine wundersame Weise

kommt des vergangnen Tages Lärm zur Ruh,

da wird die Welt um mich herum ganz leise,

das Kerzenlicht deckt laute Töne zu.

 

Ich  mag sie, diese Zeit der blauen Stunde,

zum Innehalten lädt sie mich stets ein,

macht, dass die kranke Seele mir gesunde

und plötzlich werden alle Sorgen klein.

 


Freitag, 12. Oktober 2012

Strombefreit

Von mirabelle48, 19:33

Ach wie arm wär unser Leben,

würde es den Strom nicht geben.

Überall und jederzeit,

ist er zum Gebrauch bereit,

weil doch heute nichts mehr geht

ohne Elektrizität.

 

Ob ich nutze den PC

oder ins TV mal seh,

Waschmaschine oder Toaster,

Kühlschrank oder gar der Froster,

drucken, faxen und kopieren,

Radio hörn, telefonieren,

warmes Wasser für das Bad,

Haartrockner, Geldautomat,

Altenheim und Krankenhaus

kommen ohne auch nicht aus,

Ampeln, Lampen, Straßenbahn…

Was fing ohne Strom man an?

 

Doch vor lang vergangner Zeit,

waren Menschen strombefreit.

Damals spielt auch die Geschichte,

von der ich euch jetzt berichte.

 

Weit entfernt  von Dorf und Stadt,

wo es keine Nachbarn hat,

lebt in einer kleinen Hütte

Bauer Klaus mit Frau Brigitte

nebst dem Sohne, der war drei

und die Großmutter dabei.

Milch und Käse von den Ziegen,

reichten, kargen Lohn zu kriegen.

Doch um Ware zu verkaufen,

muss der Mann zum Dorf weit laufen.

Früh sich auf den Weg gemacht,

kam er heim spät in der Nacht

 

Schwanger war des Bauern Weib

Schwer schon wölbte sich ihr Leib.

Wieder mal war Bauer Klaus

weil doch Markt war, außer Haus.

Justament zu dieser Zeit

war’s bei seiner Frau soweit.

Baby konnt  nicht länger warten,

wollt sofort ins Leben starten.

 

Damit die Großmutter gut sieht,

was unter der Geburt geschieht,

jedoch die Hände hat nicht frei,

ruft sie den Enkel schnell herbei.

Der tut auch eifrig seine Pflicht

und hält gewissenhaft das Licht.

Kaum ist das Baby auf der Welt

die Oma es an Füßen hält,

ein kurzer Klaps auf den Popo,

schon schreit es Zeter Mordio.

Das alles schaut der kleine Mann

nicht ohne Interesse an.

 

Worauf er zu dem Baby spricht:

„So ganz gescheit, das bist du nicht.

Man krabbelt doch nicht dort hinein,

wo man nicht rauskommt von allein.

Man kriegt nun mal den Popo voll,

wenn man was tut, was man nicht soll“.

 


Freitag, 28. September 2012

Nur ein Gesicht

Von mirabelle48, 13:45

 



Eine kleine Bildbetrachtung von jemandem, der nichts von Malerei versteht. Der Kunst nur nach "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" beurteilen kann


„Ich malte doch nur ein Gesicht“, sagtest du, als ich dir erzählte, dass dies eines deiner Bilder ist, das mich auf seltsame Art berührte, als ich es das erste Mal sah.

Ich sehe Farben, die dieses Gesicht umgeben. Helle und dunkle, fröhliche und melancholische, vielfältig wie das Leben, das uns umgibt.

Ich sehe Formen, auf den ersten Blick willkürlich, verwirrend  und doch in ein geordnetes Chaos gebracht. Ist nicht auch das Leben oft willkürlich, verwirrend, chaotisch? Und dennoch in Ordnung und Regeln eingebettet?

Inmitten des Spieles mit kräftigen und satten Farben ein Gesicht, nur ein Gesicht, anonym, fremd und doch mir auf eine seltsame Weise vertraut. Es scheint mir, als habe der Mensch dahinter Stück für Stück Kanten und Ecken abgetragen, um eine Lücke zu schaffen, seinen Platz zu finden, freie Sicht zu haben und wahrgenommen zu werden.

Ein blasses, aber keineswegs farbloses Gesicht, nicht ebenmäßig aber schön, maskenhaft und dennoch ausdrucksstark, melancholisch aber nicht verzweifelt, willensstark und dennoch verletzlich, fragend aber auch wissend, abstrakt und doch real und präsent. Die Schatten der Farben und Formen, durch die es sich gekämpft hat, sind sichtbar aber sie entstellen es nicht.

„Nur ein Gesicht“, sagtest du, "ein Gesicht mit Ecken und Kanten".

 Doch je öfter ich dieses Bild betrachte, umso mehr finde ich mich darin wieder. Du hast nur ein Gesicht gemalt, und ohne es zu wissen, meines.

 

Bild: B.S.

Samstag, 22. September 2012

Freie Auswahl

Von mirabelle48, 07:43

Von allen Litfasssäulen der Stadt prangt es: Große Herbstkirmes. Liese ist begeistert, seit frühester Kindheit liebt sie die Atmosphäre auf dem Rummelplatz, den Geruch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, das Stimmengewirr der Besucher, die Musik, die aus den  Lautsprechern der vielen Fahrgeschäfte dröhnt, wobei wohl jedes versucht, den Nachbarn zu übertönen, laut und dennoch irgendwie passend. Und mittendrin die Schausteller, die über schlecht klingende Mikrophone das geschätzte Publikum auffordern,

ihr Fahrgeschäft zu benutzen, an ihrer Bude zu schießen, Dosen zu werfen oder ihre Lose zu kaufen. Dieses Flair mag Liese, es erinnert sie immer an ihre Kindheit, als natürlich die Fahrgeschäfte ganz andere waren und nur einen Bruchteil dessen kosteten, was heute zu bezahlen ist.

Besonders gefallen hatten Liese immer schon die Losbuden und ihr größter Wunsch war es, einmal einen großen Teddy zu gewinnen. Als kleines Mädchen war sie immer sehr traurig, wenn ihr ein anderes Kind mit einem solchen Hauptgewinn im Arm und strahlenden Augen entgegen kam. Und auch ein bisschen wütend auf ihren Vater, dass er nicht mehr Lose gekauft hatte, bestimmt hätte sie dann den begehrten Teddy gewonnen. Aber ihr Vater blieb hart, Lose für eine Mark und Schluss.

Als sie erwachsen wurde, blieb die Sehnsucht nach einem Teddy. Natürlich hätte sie sich von ihrem Geld längst einen kaufen können, aber das war es nicht, sie wollte ihn gewinnen.

Doch auch wenn sie bei jedem Kirmesbesuch etliche Lose kaufte, sie hatte einfach kein Glück, die meisten Lose waren Nieten und die wenigen, die eine Nummer hatten, ergaben nutzlose Kleinigkeiten, die sie verschenkte oder, wenn es z.B. Pfeffer- und Salzstreuer waren, in der hintersten Ecke des Schrankes verstaute, bis sie dann bei der nächsten Aufräumaktion entsorgt wurden.

Doch wer soviel Pech im Spiel hat, der muss doch Glück in der Liebe haben.  Ja, das hat sie, ihr Liebster ist ein Mann, wie sie sich keinen besseren wünschen kann, bis auf einen klitzekleinen Fehler: Er mag keine Kirmes. Bisher sind alle Versuche, ihn dazu zu bewegen, sie zu begleiten, fehlgeschlagen. Aber sie nimmt sich vor, diesmal kommt er nicht umhin, er muss  einfach mitkommen. Sie wird sich einfach diesen gemeinsamen Kirmesbummel zum Geburtstag wünschen. Das kann er ihr doch nicht abschlagen, zumal es ihr dreißigster ist.

Liese, gefangen von den Eindrücken des Rummels und ihr Liebster, der sie ein wenig wegen ihrer Begeisterung neckt, schlendern also über den Platz. Alles ist wie immer und als sie an einer Losbude vorbei kommen, will Liese wie immer ihr Glück versuchen. Sie kauft zehn Lose, zieht nach und nach neun aus dem Eimer, den ihr der Verkäufer hinhält, das zehnte zieht der Liebste. Und auch das ist wie immer, Liese hat sieben Nieten gezogen und die beiden anderen werden sicher auch kein Volltreffer sein.

Sie dreht sich frustriert nach ihrem Liebsten um, doch der ist plötzlich verschwunden.  Enttäuscht will sie ihre beiden Gewinnlose eintauschen, als sie die Stimme des Losverkäufers hört: „ Und wieder mal hier die freie Auswahl, Glückwunsch der Herr, was hätten Sie denn gern?“

Und ehe sie es richtig begreift, sieht sie ihren Allerliebsten, wie er einen riesengroßen quietschgelben Teddy in Empfang nimmt. Er überreicht ihn ihr schelmisch grinsend mit den Worten: „Hier mein Geburtstagsgeschenk für dich, ich habe für dich das große Los gezogen.“ Und ganz zärtlich, so dass nur sie es hören kann setzt er hinzu „und nicht nur für dich sondern auch mit dir.“ Was Wunder, dass Liese nun mit stolzgeschwellter Brust und glücklich ihren Teddy im Arm hält und sich fühlt wie ein kleines Mädchen.

Der Teddy hat bis heute, fast 35 Jahre später,  immer noch seinen Ehrenplatz auf einem kleinen Kinderstühlchen, das Liese damals für ihn besorgte, und Lose kauft Liese heute bei Kirmesbesuchen nur noch für ihre Enkel.

Dienstag, 18. September 2012

Wer suchet, wird finden?

Von mirabelle48, 09:24


Seit Jahren wünscht Susanne schon,

sich eine Wohnung mit Balkon.

Ansonsten ist perfekt ihr Nest

und trefflich sich's dort wohnen lässt,

doch eines um das andre Mal,

denkt sie: "Balkon wär ideal,

mit bunten Blumen gut bestückt,

das wär es, was mein Herz entzückt.“

Und weil ein neues Domizil

nur findet, wer auch suchen will,

studiert sie jetzt jede Annonce

und hofft, sie hat auch eine Chance.

 

Susanne hat sich vorgestellt,

ihr Mittelpunkt der Lebenswelt,

der bleibe tunlichst ihr erhalten,

das wird die Suche schwer gestalten.

Dazu kommt auch, wie sie wohl weiß,

dass ein Balkon hat seinen Preis.

Nur wenn das Preisverhältnis stimmt,

sie einen Umzug auf sich nimmt.

So schmeißt sie manches Angebot

schon ungesehen in den Schrott.

Auch kommt es für sie nicht infrage,

dass nebst Kaution sie zahlt Courtage.

Doch hat Susanne unverdrossen,

die Suche noch nicht abgeschlossen.

 

Im kostenlosen Wochenblatt

Da fällt ihr auf ein Inserat,

das äußerst viel versprechend klingt

und gleich ihr Herz in Wallung bringt.

Da wird geworben mit zwei Räumen,

mit Küche, Bad, Balkon zum Träumen,

dazu auch noch im Erdgeschoss!!

Susannes Freude, die ist groß.

Und letztendlich, nicht zu vergessen,

ist auch der Preis sehr angemessen.

Dazu nur ein paar Straßen weiter-

Ganz hoffnungsvoll und äußerst heiter.

Greift sie zum Telefon schnell hin

und bittet um einen Termin.

Sie hofft, dass dies nach Augenschein,

mög ihre neue Wohnung sein.

 

Fünfzehn Minuten vor der Zeit

steht sie vor’m Haus dann schon  bereit,

sie kann es fast nicht mehr erwarten,

die Heimbesichtigung zu starten.

Doch als die Räume sie besichtigt,

hat sich die Freude schnell verflüchtigt.

Ein riesengroßer Minusposten

ist, der Balkon liegt Richtung Osten,

zudem ist er noch winzig klein,

so sagt sie augenblicklich „nein“.

 

Enttäuschung steht ihr im Gesicht,

doch aufgeben, das will sie nicht.

Susanne fasst rasch den Entschluss,

dass sie auch online suchen muss.

Wozu ist schließlich sie vernetzt?

Frisch auf an den PC gesetzt

und nach schaun, was in ihrer Stadt

der Wohnungsmarkt zu bieten hat,

gibt hurtig ein die Parameter,

und schon ein paar Sekunden später,

erscheint auf ihrem Monitor,

was das Portal ihr schlägt so vor,

das muss jetzt genau studieren,

wird es sie wohl zum Ziele führen?

 

Da sitzt sie nun und ganz verzückt

sie durch die Angebote klickt,

liest, was dort wortreich wird geschildert,

zum größten Teil auch gut bebildert,

und könnte was infrage kommen,

wird’s auf die Merkliste genommen.

Schreibt mehrere Vermieter an,

wann sie die Wohnung sehen kann?

Weil sich im Netz viel Makler tummeln,

die auch mit Text und Bild gern schummeln,

enttäuscht sie meist, was sie sodann

in Augenschein da nehmen kann.

Susanne denkt, sie wird gelassen

vorerst das Suchen bleiben lassen.

Wer braucht im Herbst und Winter schon

auch eine Wohnung mit Balkon?




Dienstag, 11. September 2012

"Musterknaben"

Von mirabelle48, 12:13




Stille stets bei Tische sitzen

keinesfalls den Kopf aufstützen,

reden nur, wenn man gefragt,

hören, was der Vater sagt.

Niemals Widerworte geben,

nirgends Kaugummi hinkleben,

nicht die Wand als Malblock nutzen,

immer brav die Zähne putzen,

 

Kinderzimmer stets aufräumen,

in der Schule niemals träumen.

Mit dem Bruder sich nicht streiten,

brav zu Bett gehen beizeiten,

leise draußen sein beim Spielen

und nur nicht im Matsch rumwühlen.

 

Solche reinen Musterknaben

will ich die tatsächlich haben?

Will ich wirklich solche  Engel,

oder lieber Lausebengel,

voll mit Tricks und Pfiffigkeit,

Unsinn und Schlitzohrigkeit?

 

Kinder, die sich auch mal trauen,

heimlich Obst vom Baum zu klauen,

die schon mal die Suppe schlürfen,

kurz, die wirklich Kind sein dürfen,

auch wenn mal das Mundwerk lose

und zerrissen manche Hose,

Nachbars Fenster brach entzwei,

weil der Torschuss ging vorbei.

 

Meine beiden Enkelkinder

sind solch liebenswerte Sünder.

Ich bin glücklich, sie zu haben,

meine beiden „Musterknaben“.





Freitag, 07. September 2012

Streit

Von mirabelle48, 00:14

Heftig  streiten sich die beiden,

wer denn wohl der Stärkste sei,

kann für keinen mich entscheiden,

hilflos schau ich auf die Zwei.

 

„Ich, der Sommer“, sagt der eine,

„räum dem Herbst noch nicht das Feld.

Diese Bühne, die ist meine,

auch wenn es ihm nicht gefällt“.

 

Daraufhin der Herbst entgegnet:

„Gib mal nicht so schaurig an,

erst warst du total verregnet,

jetzt mimst du den starken Mann.

 

Schnaufst doch schon mit letzten Zügen,

der Kalender zeigt es an,

wirst bald ganz am Boden liegen,

weil nur ich gewinnen kann“.

 

 „Aber bis es soweit ist,

ist bei mir die Vorherrschaft.

Hab noch eine Gnadenfrist,

Sonne scheint mit voller Kraft“.

 

Statt euch ständig zu behacken,

sagt mir lieber, das wär’ toll,

T-Shirt oder warme Jacken,

was ich heute anziehn soll?

 


Donnerstag, 30. August 2012

Talfahrt

Von mirabelle48, 17:14


Alle Welt hat sich verschworen,

grausam schlug das Schicksal zu.

Was einst dein war, ging verloren,

schuldig jeder, nur nicht du.

 

Übersehn die Warnsignale,

überhört, was gut gemeint.

Abwärts dreht sich die Spirale.

Unaufhaltsam, wie dir scheint.

 

Fünf vor zwölf, doch nicht das Ende.

Stopp die Talfahrt, schau nicht zu!

Es gibt ausgestreckte Hände,

sie ergreifen, das musst du.

Samstag, 25. August 2012

Das muss ja mal gesagt werden...

Von mirabelle48, 11:49


Wenn es im Sommer nachmittags an Lieses Tür klingelt, dann stehen in der Regel, wenn sie öffnet, zwei acht und zehnjährige Kinder davor. Erhitzt vom Spielen, mit schmutzigen Händen und je nach Wetterlage  auch mit verdreckten Schuhen, einem nicht weniger schmuddeligen Fußball unterm Arm, natürlich nicht, ohne im Treppenhaus bis zur ersten Etage einen Höllenlärm zu machen, kleine Jungs können nämlich nicht leise, und begehren Einlass.

Die Begrüßung der beiden Jungs hat  sich inzwischen zu einem Ritual entwickelt: „Oma, wir wollten dich nur mal besuchen“, Küsschen rechts, Küsschen links um dann ganz schnell fort zu fahren: „wir haben Durst, wir müssen dringend auf die Toilette, dürfen wir ein Eis?“

Ob Liese überhaupt ein Eis hat, das wird erst gar nicht gefragt, so etwas ziehen die jungen Herren nicht in Erwägung, kennen sie doch ihre Oma, die mittlerweile gefühlte tausend Euronen allein in diesem Sommer für ihre beiden Fußballhelden ausgegeben hat.

Sie hat, natürlich hat sie.

Beide verspeisen dann genüsslich das Eis, um dann so schnell, wie sie kamen, auch wieder zu verschwinden. Manchmal hat Liese das Gefühl, sie benutzen ihre Wohnung als Halbzeitkabine.

Doch manchmal ist alles ganz anders, so wie gestern zum Beispiel.

Es läutet an der Tür, es ist erstaunlich ruhig im Treppenhaus, Liese staunt. Es kommt nur der Größere der beiden,  fast lautlos die Treppe herauf, hat den Fahrradhelm auf dem Kopf und keinen Fußball unterm Arm und sagt artig: „Hallo Oma, wie geht es dir? Ich habe eine Fahrradtour gemacht und wollte dich mal besuchen.“

Nimmt den Helm ab, hängt ihn ordentlich an den Garderobenhaken und setzt sich in den Sessel. Liese ist verblüfft. Keine Frage nach etwas zu trinken oder nach einem Eis, sondern fast schon beängstigend anmutendes gesittetes Sitzen im Sessel und erzählen, welche Strecke er mit dem Fahrrad abgefahren ist. Liese indessen erkundigt sich interessiert, wie es ihm denn nun nach zwei Tagen auf der weiterführenden Schule gefällt, schließlich ist nun manches anders in seinem Schulleben. Sie hat ihn zusammen mit seinen Eltern bei der Einführungsfeier in der neuen Schule vor zwei Tagen begleitet.

Bereitwillig gibt der junge Mann Auskunft, er fühle sich dort sehr wohl und dann  plötzlich  Schweigen.  Liese empfindet es als abwartend und bricht es schließlich mit der Frage: „Möchtest du vielleicht ein Eis?“ Glucksendes Lachen ist die Folge und die Antwort: „Ach Oma, du weißt doch immer, was ich gerade möchte“. Mit Hingabe wird die kühle Köstlichkeit  gegessen und kaum ist der Mund leer, steht er auf, schnappt sich seinen Fahrradhelm und sagt ganz ernsthaft: „So, ich erweitere jetzt mal meine Fahrradtour. Tschüß Oma, es war schön, dich wieder mal gesehen zu haben“ und ehe Liese sich versieht, ist der nachmittagliche Besuch verschwunden.

 

Liese fragt sich jetzt, was um Himmels Willen ist in den vergangenen zwei Tagen, die sie ihren Enkel nicht gesehen hat, wohl passiert, dass aus dem Rabauken ein höflicher junger Mann geworden ist?

 

Foto: Dieter Schütz / Pixelio.de (bearbeitet)

Montag, 20. August 2012

Licht im Dunkel

Von mirabelle48, 15:14


Fast unbemerkt begann für dich die Reise,

ganz ohne Abschied, ohne Lebewohl,

du hast sie angetreten still und leise,

und weißt nicht, wo sie einmal enden soll.

 

Die Straße, die du gehst, ist das Vergessen,

sie führt in eine Richtung nur- zurück.

Mit jedem Tag verlierst du unterdessen

für Gegenwart und Zukunft deinen Blick.

 

Gedanken wandern planlos hin und her,

der Nebel des Vergessens macht dich blind.

Die Tochter, die erkennst du schon nicht mehr,

sie wird zur Mutter und du wirst ihr Kind.

 

Und als ein Kind hast du nun neu entdeckt,

die Lebenswelt, die dich ab jetzt umgibt.

Was du einst konntest, nach und nach versteckt,

verborgen das, was du einmal geliebt.


Ein Kind, das nur noch mir den Augen spricht,

in denen, was du fühlst, zu lesen ist,

und manchmal leuchtet darin hell ein Licht,

weil du in deiner Welt auch glücklich bist.



Samstag, 18. August 2012

Allen Menschen recht getan...

Von mirabelle48, 08:45
...ist eine Kunst, die niemand kann




  Lange hab ich drauf gewartet,
     dass der Sommer mich beehrt.
     Endlich hat er durchgestartet
     doch jetzt ist es auch verkehrt.

     Mir ist nun die Bullenhitze
     plötzlich auch nicht angenehm,
     leide, weil ich ständig schwitze,
     fühl mich träge und bequem.

     Vorher wars der Dauerregen,
     der mich depressiv gemacht.
     Kühle käm mir jetzt entgegen,
     doch die gibt es nur bei Nacht.

Sommersonne zu genießen
war vor Wochen mein Begehr.
Doch jetzt droh ich zu zerfließen,
jede Regung fällt mir schwer.

  Die Moral von der Geschicht:
Wie das Wetter auch grad ist,
was man hat, gefällt oft nicht.
Man liebt das, was man vermisst.

Samstag, 11. August 2012

Karussell

Von mirabelle48, 12:32

Ohne einen Chip zu lösen

nur mit einem Freifahrtschein

ist es plötzlich da gewesen,

stieg ganz ungebeten ein.

 

Macht sich täglich breit und breiter

okkupiert das Karussell.

Unentwegt dreht es sich  weiter,

manchmal langsam, manchmal schnell.

 

Doch auch wenn ab jetzt das Alter

mit dir seine Runden dreht,

erst wenn einst wer drückt den Schalter,

stoppt das Karussell und steht.

Sonntag, 05. August 2012

Olympia - Dabei sein ist alles?

Von mirabelle48, 12:38


Hunderte von Top-Athleten
sind in London angetreten,
um im Wettstreit sich zu messen.
Auf den Sieg sind sie versessen.
Gold ist für sie sehr begehrlich
doch es kriegen, arg beschwerlich.

Nur dabei sein alles sei

dachte man einst frank und frei.
Für die Sportjugend der Welt
hat die Ehre nur gezählt
und zum Lohn, ganz ohne Glanz,
gab's nur einen Lorbeerkranz.

Doch das ist Vergangenheit,

denn es zählt in unsrer Zeit
für den Sportler nur das Gold,
was er bei Olympia holt.
Erster sein um jeden Preis
darauf ist er heute heiß.

Wenn's auch für ihn selber schlecht,

jedes Mittel ist ihm recht
und so führt zur Akzeptanz
manch verbotene Substanz,
wenn er, nur aus eigner Kraft,
das begehrte Ziel nicht schafft.

Wenn er jedoch hat gesiegt

und die Goldmedaille kriegt,
Massen ausbrechen in Jubel,
rollt für ihn ganz schnell der Rubel.
Wenigstens bis in vier Jahren
andere noch besser waren.
.

Samstag, 04. August 2012

Immer wenn du Geburtstag hast...

Von mirabelle48, 22:42


 

...werde ich sentimental, je älter du wirst, je mehr.

Ist es wirklich schon mittlerweile 39 Jahre her, dass man mir ein kleines schreiendes Bündel in den Arm legte und ich kaum glauben konnte, dass dieses Wunder mir passiert war?

Deinen Protest gegen das Verlassenmüssen deines warmen Nestes nahm ich mit großer Freude und unbändigem Stolz wahr.

War es nicht erst vor kurzem,

  •  dass du das erste Mal „Mama“ sagtest?
  • dass ich dich trösten durfte, wenn du bei deinen ersten Gehversuchen   wieder mal hingefallen bist und dann weintest?
  • dass du das Wort "Nein" entdecktest?
  • dass bei deinen ersten Essversuchen ohne meine Hilfe, dein Gesicht von der Stirn bis hin zum Hals mit Schokocreme oder Marmelade beschmiert war?
  • dass du mir den Spinat, den du so gar nicht zu mögen schienst, über meine neue Bluse spucktest?
  • dass du, wenn du etwas ausgefressen hattest, ich dahinter kam, du erstaunt fragtest, woher ich das denn nun schon wieder wüsste?
  •  dass ich dir dann erklärte,  dass Mütter überall Augen haben und sogar durch Wände sehen könnten?
  • dass ich mich um dich fast zu Tode ängstigte, als du die Masern hattest und  drohtest, am Masernkrupp zu ersticken? Nächtelang ich nicht schlief und deinen schweren Atem beobachtete?
  • dass du im Kindergarten dich im Spielzeugschrank verstecktest und die gesamte Betreuerschar dich stundenlang suchte, weil du darin eingeschlafen warst?
  •  dass wir gemeinsam die schwere Zeit bewältigten, als dein Vater starb? 
  • dass ich dann irgendwann erkennen musste, dass ich nicht die Einzige war, die du liebtest, sondern deine Liebe mit anderen weiblichen Wesen teilen musste?
  • dass du, der du lange Zeit Null Bock auf Schule hattest, mir freudestrahlend erklärtest, du wollest jetzt doch noch das Abitur machen?
  • dass du es mit Bravour schafftest?
  • dass  du keinen Zivildienst machen wolltest, sondern deinen Wehrdienst,  unsere endlosen und Nächte lang dauernden  Diskussionen über das Für und Wider?
  • dass du dann wegen einer sehr seltenen Krankheit fast deine ganze Bundeswehrzeit im Bundeswehrkrankenhaus zu gebracht hast? Wie erleichtert wir waren, dass es gut ausging für dich, aber auch für mich?
  • dass du nicht studiertest, sondern eine Ausbildung machtest?
  • dass  du, der immer behauptet hatte, nie heiraten zu wollen, dann doch genau dies tat?
  • dass du mich zur Großmutter machtest, und das gleich zweimal?
  • dass du nach dem Scheitern deiner Ehe  als allein erziehender Vater dein Leben meistertest?
  • dass  du mir erlaubtest, dir dabei zu helfen?
  • dass du, obwohl die Kinder nun seit langem schon bei ihrer Mutter leben, ihnen trotzdem ein guter Vater geblieben bist?

Ja, mein Sohn, immer, wenn du Geburtstag hast, werde ich sentimental, und weißt du was?

Ich bin ungeheuer stolz auf dich.

Dienstag, 31. Juli 2012

Das Mosaik

Von mirabelle48, 07:24



Eine Kiste voll mit kleinen Steinen,

schwarze, weiße, rote, grüne, blaue,

welche auch, die silbern, golden scheinen,

gelbe, braune, violette, graue.

 

Ahnungslos greif ich in sie hinein,

niemand weiß, was er dabei erwischt,

 oft fügt sich nicht gleich erkennbar ein,

was das Schicksal mir vorab gemischt.

 

Dennoch wächst allmählich Stein für Stein,

 Tag für Tag mein Lebensmosaik.

Mag es auch kein großes Kunstwerk sein,

mir gefällt es, fehlt auch noch ein Stück.

 

Bis zum letzten Tag werd ich dran bauen,

doch nicht ich setz einst den letzten Stein.

Machtlos bleibt mir dann nur zu zuschauen,

die Vollendung übernimmt für mich Freund Hein.