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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Dienstag, 08. November 2011

Schrei in der Nacht

Von mirabelle48, 09:35

Was war das doch für ein wunderbarer Tag gewesen.  Wieder einmal verbrachten sie ihren Urlaub an der italienischen Adria.
Sie hatten einen Faulenzertag am Strand verbracht, und abends sich im Kreise ihrer italienischen Freunde das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft angeschaut. Deutschland gegen Italien 1982 und das  als einzige Deutsche in dieser Runde.

Später hatten sie mit den Freunden gemeinsam den italienischen Sieg mit einer Flasche Rotwein gefeiert und als sie dann wieder in ihrem Hotelzimmer waren, hatten sie sich geliebt, zärtlich und gut, wie so oft schon in den sechs Jahren, die sie zusammen waren. Erschöpft, aber glücklich und entspannt waren sie eingeschlafen.

Durch ein lautes „Nein, Nein“ wurde sie jäh aus dem Schlaf gerissen. Dass er häufig mal unruhig schlief, sich im Bett hin und her wälzte, das war sie gewohnt.
Doch dieses Rufen voller Panik und Schrecken im Schlaf hatte sie noch nie erlebt. Er musste einen schrecklichen Albtraum haben, er schlief immer noch, aber immer wieder rief er entsetzt: „Nein, nein“, und sie sah, dass er im Schlaf weinte.

Nie hatte sie ihn weinen sehen, diesen Mann, der einundzwanzig Jahre älter war als sie, der immer souverän  war, den sie liebte und der ihr immer ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen vermittelte.
Sanft weckte sie ihn. Und den Rest der Nacht redete er.

Siebzehn Jahre alt war er, als er für Führer und Vaterland  1943 in den schrecklichen Krieg geschickt wurde, sehr schnell an die Ostfront. In einem Alter, in dem junge Menschen heute gerade die Schule beenden, sich um einen Ausbildungsplatz bemühen, in Discos tanzen, erste Lieben erleben, sah er Kameraden sterben, musste selbst töten, um nicht getötet zu werden und geriet in russische Gefangenschaft.

Vier lange, entbehrungsreiche Jahre in einem Gefangenenlager in Sibirien mit Elend, Hunger und Tod aber dem unbändigen Willen, es zu schaffen, eines Tages wieder nach Hause zu kommen, Eltern und Geschwister wieder zu sehen.

Ein Schicksal, das er mit unzähligen anderen Soldaten teilte, letztendlich aber froh, es überlebt zu haben und tatsächlich 1949 in seine Heimatstadt zurückkehren zu können.
Dreiundzwanzig war er nun, nur wenige Freunde seiner Kinder- und frühen Jugendzeit waren noch da, viele waren gefallen oder es hatte sie in andere Gegenden verschlagen.
Mit denen, die er traf, versuchte er die schrecklichen Jahre zu verdrängen. Man ging am Samstag gemeinsam in die nach und nach entstehenden Tanzcafes, tanzte zu amerikanischen Jazzrhythmen, trank, soviel man eben vertragen konnte und schleppte so manches Mädel ab, jedes Mal ein anderes, man hatte so vieles nachzuholen.
Montags bis freitags der brave Sohn, der arbeiten ging und fleißig war, am Wochenende der große Aufreißer.

Lebensfreude pur, hätte es da nicht die Nächte gegeben, in denen die Schatten des Erlebten ihn einholten. Dass er nur auf dem Boden schlafen konnte, weil das Bett ihm fremd geworden war,  er sich die Ohren zuhielt, weil er Schreie verwundeter und sterbender Kameraden hörte und glaubte, sie auf diese Weise leiser werden zu lassen, die Hände auf die Augen legte, weil ihn die aufblitzenden Mündungsfeuer von Gewehren blendeten, unter der Decke Schutz vor detonierenden Granaten suchte, schrie vor Angst und Entsetzen, um dann schweißgebadet aufzuwachen und zu erkennen, er hatte es überlebt.

Grausam waren sie, diese Nächte, doch der Tag verscheuchte die Vergangenheit, ließ ihn wieder zu einem funktionierenden Mann werden. Zielstrebig im Beruf, ehrgeizig den Erfolg suchend, freizügig und lebenshungrig in seiner Freizeit, alle sich bietenden Annehmlichkeiten aufsaugend.

Seltener wurden sie mit den Jahren, diese dunklen Nächte mit ihren schwarzen Schatten, immer seltener, ebenso wie sich sein Lebenshunger in normalere Bahnen zurück bewegte.
Seit  einigen Jahren glaubte er, sie besiegt zu haben, die Dämonen der Vergangenheit, doch heute hatten sie ihn mal wieder heimgesucht.

Sie hielt ihn in ihren Armen und hatte fassungslos zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Niemals vorher hatte er ihr von dieser Zeit erzählt, und er tat es auch danach in den folgenden vierundzwanzig gemeinsamen Jahren niemals mehr.

Aber er hat auch niemals mehr im Traum geschrieen.



Bild: dunkelklang / pixelio.de

Samstag, 05. November 2011

Ein Zimmer für Herrn K.

Von mirabelle48, 10:40

Wie immer war es dringend, äußerst dringend.

Alle Anträge auf einen Heimplatz in unserem Haus waren dringend, zumal wir eine Facheinrichtung waren zur Betreuung von an Demenz erkrankten Senioren, die körperlich durchaus noch fit waren.

Hinter jedem „Antrag zur Heimaufnahme“ stand eine Notlage. Sei es, dass die Patienten aus der Klinik entlassen werden sollten und niemand die Rund-um-die–Uhr-Betreuung übernehmen konnte, sei es, dass die bisher pflegenden Ehegatten selbst alt und am Ende ihrer Kräfte waren.  Und wie immer, wenn ich einen Platz zu vergeben hatte, wollte ich die infrage kommenden neuen Mitbewohner kennen lernen,  schließlich war es nicht nur für sie, sondern auch für die bereits in unserem Haus lebenden Bewohner wichtig, dass sie zueinander passten. Meist besuchte ich die zukünftigen Bewohner dort, wo sie gerade lebten, häufig aber kamen sie auch in Begleitung der sie betreuenden Personen zu uns ins Heim.

Heute ging es um den 78jährigen Herrn K. Aus den Akten wusste ich, dass er nach seiner stationären Behandlung in der Geronto-Psychiatrie von seiner 72jährigen Ehefrau zu Hause versorgt wurde. Kinder, die sie hätten unterstützen können, hatten sie nicht. Die Alzheimer-Erkrankung war immer weiter fortgeschritten und nun war Frau K. am Ende ihrer Kraft.

Als ich das Ehepaar sah, wusste ich warum. Frau K. war eine kleine, zierliche Frau, der das Gehen offensichtlich schwer fiel,  Herr K. ein 1,90m großer, kräftiger Mann, der sportlich durchtrainiert wirkte. Aus den Unterlagen wusste ich, dass er bis vor ein paar Jahren ein begeisterter Wanderer gewesen war. Überhaupt war er eine imposante Erscheinung. Er hatte volles, silbrigweißes Haar und ein lustig listiges Funkeln in seinen Augen. Als ich ihm die Hand zur Begrüßung reichte, deutete er einen Handkuss an. Ich war verblüfft.

Frau K. lächelte etwas gequält. „Das hat er immer schon bei jungen Frauen so gemacht,“ sagte sie, „seinen Charme hat er trotz der Krankheit nicht verloren. Er war auch früher ein echter Schwerenöter. Aber er kann leider nur noch zusammenhanglose Worte sprechen“.

„Herr K.“, wandte ich mich nun an ihn, „ich würde Ihnen gern unser Haus zeigen. Und vielleicht  gefällt es Ihnen ja bei uns?“ „Ja, ja, ja“, antwortete er. Ich hatte Mühe bei dem Rundgang, seinen forschen Schritt etwas zu bremsen, damit Frau K. uns folgen konnte. Und jedes Erklären, jede Frage beantwortete Herr K. mit einem „Ja, ja, ja“. Offenbar hatte er die Fähigkeit zu sprechen, weitestgehend verloren.

Als wir uns der Wohngruppe näherten, in die er eventuell einziehen sollte, hörten wir, dass dort gerade gesungen wurde und die Musiktherapeutin begleitete auf der Gitarre. Herr K. beschleunigte seine Schritte und schaute interessiert zu. Als das Lied beendet war, ging er auf die Therapeutin zu, nahm ihr die Gitarre aus der Hand und fing an zu spielen. Und fast ohne im Text zu stolpern sang er die erste Strophe von „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Mit einem charmanten Lächeln, einer angedeuteten Verbeugung und einem „Ja,ja,ja“ reichte er ihr die Gitarre zurück.

Am nächsten Tag wurden seine Möbel und seine eigene Gitarre angeliefert und er zog bei uns ein. Und mit Gitarre wanderte er, solange seine Körperkraft es zuließ, bei Wind und Wetter durch unseren großen Garten.

Frau K. unterzog sich endlich einer Hüft-Operation und besuchte nach ihrer Reha ihren Mann täglich.

 

Bild: eigenes

Freitag, 04. November 2011

Verdacht

Von mirabelle48, 16:44

Schnell ist ein Verdacht

öffentlich gemacht.

Wer ihn aufgebracht

noch darüber lacht,

dass es nun wohl kracht,

er genießt die Schlacht.

Doch er habe Acht,

denn oft über Nacht

schneller als gedacht

kriegt er selbst die Tracht.

 

Donnerstag, 03. November 2011

November

Von mirabelle48, 10:47

Nebelgraue trübe Zeit,

auf den Wegen totes Laub.

Zeichen von Vergänglichkeit,

Blätter werden bald zu Staub.

 

Schon vorbei ihr Tanz des Lebens,

rings umher Melancholie.

Sich zu wehren ist vergebens,

wirst einst Staub sein so wie sie.

 


Mittwoch, 02. November 2011

Keine besonderen Vorkommnisse ...

Von mirabelle48, 10:06
 
...so schreibe ich es in den Übergabebericht des Nachtdienstes an den Tagdienst.

Soll heißen: Es war eine ruhige Nacht, kein Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, kein Sturz mit üblen Folgen, kein Notfall, „ruhig“ eben für eine Nacht in einer Einrichtung für Demenzkranke. Nachts schlafen doch alle, oder doch nicht?.

20.45
Dienstbeginn, Übergabe, vorwurfsvoll: „Viele Grüße vom Frühdienst, Herr X. war morgens total nass, Frau Y. total eingekotet.”
Wut im Bauch, man kann schließlich morgens um 6.00 nicht überall gleichzeitig sein.

21.00
Spätdienst geht in den wohlverdienten Feierabend.
Ich flitze durch die Zimmer, alle da? Liegt keiner auf dem Boden?
Die ersten Stecklaken werden gewechselt, Nachthemden ausgetauscht, weil Frau P. sich die Vorlage ausgezogen und Herr S die Toilette nicht gefunden hat.

21.45
Nachtmedikation verteilen, Getränke reichen, Herrn W. davon überzeugen, dass es nicht in Ordnung ist, bei -3° barfuß in den Garten zu gehen, dabei ein Auge auf Frau K. werfen, die versucht, Frau T. aus dem Sessel zu helfen, obwohl sie selbst kaum sicher auf den Beinen ist.

22.30
Frau K. zeigt erste Ermüdungserscheinungen, man nutzt das aus und bringt sie ins Bett in der Hoffnung, dass sie schlafen wird.
Anschließend 1. Versorgungsrundgang. Wieder ein Bett nass, Herr B. hat die Vorlage in 1000 Teile zerrissen und im Zimmer verteilt, schön gleichmäßig.
Ergebnis: Vorlage trocken, Bett nass.

00.15
Rundgang beendet, Kaffee aufsetzen, Dokumentation beginnen. Plötzlich ein Schrei, dann Stille.
Woher kam der Schrei? Da- schon wieder. Ich erkenne die Stimme von Frau A. und versuche, sie zu beruhigen. Das gelingt nur mühsam, sie glaubt ich bin die verhasste Schwiegertochter und will sie vergiften, als ich versuche, ihr etwas Tee zu reichen. Doch dann lässt sie sich in den Arm nehmen und ihre Anspannung lässt nach.
Als ich das Zimmer verlassen will, drehe ich mich um und erschrecke fast zu Tode:
Herr D. ist auf leisen Sohlen in die geöffnete Tür getreten und steht plötzlich vor mir, weil er meint, dieses hier sei die Toilette. Ich bringe ihn dorthin und danach wieder zu Bett.
Jetzt weiter dokumentieren.

01.45
Noch mal nach allen sehen, lagern, trinken lassen, bei Toilettengängen begleiten…
Das Telefon klingelt, eine Kollegin braucht Hilfe.
Auf dem Rückweg kommt mir Frau K. entgegen, in Hut und Mantel, sie will zur Straßenbahn, um ihre Tochter zu besuchen. Sie hat es sehr eilig, und so renne ich neben ihr her und erkläre ihr, dass sie diese Straßenbahn nicht mehr kriegt, sie soll die nächste nehmen. Gott sei Dank lässt sie sich für die Wartezeit zu einer Tasse Tee in den Wohnbereich einladen. Hut und Mantel bleiben natürlich an. Nachdem sie den Tee ausgetrunken hat, ist sie bereit
wieder ins Bett zu gehen, allerdings nur, wenn sie den Mantel und den Hut anbehalten kann. Sie will ja nur ein kleines Nickerchen machen.
Egal, Hauptsache, sie bleibt hier.

02.30
Lautes Schimpfen aus dem Zimmer von Herrn O.. Frau L. hat den ersten Schlaf aus und ist in das Zimmer von Herrn O. gegangen. Sie möchte sich jetzt mit ihm unterhalten und hat ihn geweckt. Er quittiert das mit einem lautstarken Fluch, so dass ich befürchte, dass er den ganzen Wohnbereich aufweckt. Mit der Aussicht auf ein Stück Schokolade lässt sich Frau L. aus seinem Zimmer locken. Pühh, Glück gehabt, sie kann manchmal sehr hartnäckig sein. Und Herr O. hat sich auch wieder beruhigt.

04.00
Erneuter Rundgang. Welch ein Glück: Nur 4 Laken, 1 Nachthemd und 2 Bettbezüge waren nass. Und die Vorlage von Herrn B. ist diesmal nur in 500 Teile zerrissen, Ergebnis wie gehabt: Vorlage trocken, Bett nass.

05.10
Herr U. hat seinen Schlaf aus und läuft barfuß über den Flur. Also Hausschuhe und Morgenmantel an.
Aus dem nächsten Zimmer kommend, stelle ich fest, er hat sich der Schuhe wieder entledigt.
Rundgang fertig, Kaffee für die Frühaufsteher aufsetzen, Hausschuhe von Herrn U. suchen und wieder anziehen ( Erfolg für ca. 10 Min.), eigene Utensilien wegräumen.
Bis dahin sind weitere Bewohner aufgestanden und wandern ohne Pantoffeln im Nachthemd oder Schlafanzug über den Flur. Ich helfe bei Bademänteln und Hausschuhen und serviere ihnen gemeinsam im Aufenthaltsraum einen Kaffee.
Dokumentation wird erledigt.

06.15
Ich setze mich zu den Bewohnern, damit diese nicht mit der Kaffeetasse in der Hand und ohne Schuhe in den Fluren des Hauses oder in den Garten verschwinden.

06.30
Der Frühdienst kommt und fragt freundlich grinsend: Na, gut geschlafen?
Ja, sage ich, keine besonderen Vorkommnisse, alles ruhig..

Die Nacht ist rum. Es war eine ruhige Nacht:
Kein Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, keine
Platzwunde, kein Notfall.

Dienstag, 01. November 2011

Eigenlob stinkt

Von mirabelle48, 13:05


Volksmund meist die Wahrheit spricht,

kann uns manche Weisheit lehren.

Sprichwörter, sie irren nicht,

und es lohnt, gut hinzuhören.

 

Wer im Eigenlob sich suhlt,

sich als etwas Bessres dünkt

und um Anerkennung buhlt

denkt nicht dran, wie sehr es stinkt.

 

Selbstgefällig er genießt

diesen faulig üblen Duft,

selten nur sich ihm erschließt,

wie verpestet schon die Luft.

 

Andere aus der Distanz,

in die sie sich schon verdrückt,

können sehn, dass er fast ganz

schon im eignen Mief erstickt.

 

 

Montag, 31. Oktober 2011

Das Arschloch

Von mirabelle48, 19:31

Hans und Otto stritten sich

wieder mal ganz fürchterlich.

Eigentlich sind sie ja Freunde,

doch benahmen sich wie Feinde.

 

Rüde das Vokabular,

das bedingt nur druckreif war.

Hans, so gar nicht Mann von Welt

Otto für ein Arschloch hält.

 

Der jedoch ist nicht beleidigt

sondern hat sich so verteidigt:

„So ein Arschloch, das ist richtig

für uns alle doch sehr wichtig.

 

Stell dir vor, wir hätten keines,

nicht einmal ein klitzekleines,

bliebe alles in uns drin.

Wo käm dann die Scheiße hin?“

 

Hans und Otto danach lachten

und schnell ihren Frieden machten.

Beide sahen es nun ein

So ein Arschloch, das muss sein.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Verzwickt

Von mirabelle48, 19:43



Hast es erblickt,

freundlich genickt

und bist entzückt,

das Werk geglückt.

Doch manchen zwickt,

was anders tickt,

nennt es missglückt,

weil sich nicht schickt,

was ihn erschrickt.

Drum ist’s verrückt.

 

Bild: B.S.

Das Recht der Jugend

Von mirabelle48, 14:10


Es ist der Jugend Privileg,

in ihrem Lebenslabyrinth

zu finden ihren eignen Weg,

auch wenn darinnen Mauern sind.

 

Das Recht der Jugend ist, die Zeit

für unendlich zu halten

und voller Unbekümmertheit

ihr Leben zu gestalten.

 

Die Jugend darf und soll sogar

auch gern in Frage stellen,

ob das, was gestern richtig war,

noch gilt in allen Fällen.

 

Und fehlt der Jugend mal die Kraft

in Lebenssturmgewalten

und sie es nicht alleine schafft,

dann helfen gern die Alten.

 

 

Bild: B.S.

Lena backt

Von mirabelle48, 11:36


Lena ist eine selbstbewusste Frau in den Vierzigern, die, wenn sie nicht gerade wegen einer OP an Krücken laufen muss, mit beiden Beinen fest im Leben steht. Oh ja, das ist sie.

Sie meistert fast alles, sie „wuppt“ ihr Leben geradezu.

Eines jedoch kann sie nach eigenen Aussagen nicht: Kochen. Macht aber nichts, sie hat ja virtuelle Freunde, die ihr auf die Sprünge helfen können.

Die sich mittlerweile über keine, aber auch nicht eine einzige Katastrophenmeldung aus Lenas Küche wundern. So wie zum Beispiel vor einigen Wochen, als sie schrieb, sie wolle als Beilage Mais servieren.

Leider „ploppe“ es in ihrer Küche, ob sie wohl was falsch gemacht habe?

Der Verdacht, dass sie die rohen Maiskörner in einer Pfanne mit Fett „angebraten“ hatte, lag nahe und so entdeckte Lena, wie man selbst wunderbar Popcorn herstellen kann.

Und nun traten ihre Freunde auf den Plan. Sie eröffneten in ihrer Gruppe ein eigenes Thema: „Leichte Rezepte für Lena“. Und eifrig wurden dann Anfängerrezepte eingestellt.

Tja, und dann gibt es da ein Kuchenrezept für einen kleinen Kuchen, den man in der Mikrowelle ganz schnell „backen“ kann. Lena ist überzeugt, das „wuppe“ ich und beginnt.

Was steht da im Rezept? 4 El Mehl? Was um Himmels Willen ist denn bloß El ?Erste Liebe? Nein, kann nicht sein, passt doch nicht zum Kuchen.Also fragt sie nach und erfährt staunend, dass damit ein Esslöffel gemeint ist.

Und schlussfolgert nicht zu Unrecht, dass dann Tl wohl ein Teelöffel sein soll. Aber steht da nicht ein gestr. Tl Vanillezucker? Nachdem geklärt ist, dass der Teelöffel gestrichen voll sein soll, wir Lena mutig. Ob man wohl auch Zimt nehmen kann? Kann man Lena, wenn man es mag. Perfekt, Lena mag Zimt.

Doch schon folgt die nächste Hürde. Dort steht: 1 Msp. Backpulver. Hä? Msp? Also weg vom Teig, ran ans Läppi, nachgefragt. „Messerspitze“ erfährt sie.

Wie jetzt, in den Kuchen gehört eine Messerspitze? Was für ein Messer denn und außerdem, sie kann doch die Messerspitzen nicht abbrechen, wie sieht das denn nachher aus? Und ist Metall im Kuchen nicht gefährlich? Lena zweifelt am Verstand ihrer Freunde.

Die erklären ihr dann aber geduldig die Mengenangabe. Weiter geht’s. Nun soll der Teig in eine Tasse. Große Tasse, Lena, ersatzweise kannst du auch eine Müslischale nehmen.

Ja was denn nun, Tasse oder Müslischale? Gut, die Müslischale. Ab in die Mikrowelle.

Pling nach 4 Minuten, fertig, und sieht richtig klasse aus. Lena ist stolz. Probiert und schmeißt das Teil in den Müll. Warum verdammte Kiste, muss heute der Pfeffer auch da stehen, wo sonst immer der Zimt steht? Macht nix, sie hat noch reichlich Zutaten, also das Ganze noch mal von vorn. Diesmal braucht sie nicht mehr nachfragen, sie hat ja die Erläuterungen der Abkürzungen.

Und siehe da, diesmal geht alles glatt. Nur was ist falsch gelaufen? Der Kuchen sieht prima aus, ist nach dem Abkühlen aber hart. Ohne Bohrmaschine wohl kaum zu zerkleinern.

Ist das womöglich ein Rezept, um Pflastersteine herzustellen?

Nein Lena, wahrscheinlich hat deine Mikrowelle eine höhere Wattzahl, dann verkürzt sich die Backzeit entsprechend. Watt?? Gibt’s da auch Wattwürmer??

Auf ein Neues. Und das Ergebnis kann man im Avatar zu diesem Text bewundern. Bravo Lena, geht doch!!!

Samstag, 29. Oktober 2011

Warum ich keine Frau bin

Von mirabelle48, 16:38


Ich bin immer wieder fasziniert von  kindlicher Logik.

Schon für erwachsene Kinder sind die Eltern doch meist geschlechtslose Wesen, die als Mutter und Vater schon noch wahrgenommen werden, aber doch beileibe nicht als Frau und Mann.

Wie viel mehr erst muss es die Enkelkinder verwirren, dass Großmütter und Großväter eben auch Männer und Frauen sind. Meine Enkelkinder sind jetzt 5 und 7 Jahre alt, sie wissen, dass ich ihre Oma bin, sie haben auch begriffen, dass ihr Vater mein Sohn ist, aber sie nehmen uns eben nur in unserer Funktion wahr.

Oder wie soll ich mir sonst folgenden Dialog erklären:

„Oma, Papas müssen immer arbeiten. Warum arbeitest du nicht?“

„Weil ich schon sehr lange in meinem Leben gearbeitet habe, und es jetzt nicht mehr brauche. Ich bekomme jetzt Rente.“

„Wenn Papa alt ist, bekommt er dann auch Rente?“

„Ja, wenn er Glück hat,“ antwortete ich etwas nachdenklich und erwarte eigentlich die Frage: „Oma, was ist Rente?“ Und ich  fange schon an, darüber nach zu denken, wie ich das mit dem Glück haben gemeint habe. Schließlich ist er ja für politische Überlegungen noch etwas zu klein.

Aber nein, weit gefehlt. die Gedanken meines Enkels gehen in eine ganz andere Richtung.

„Oma, Papa arbeitet im Büro. Wenn ich ein Mann bin, möchte ich auch im Büro arbeiten. Mama arbeitet auch, aber nicht im Büro, die ist ja auch eine Frau. Oma, als du noch eine Frau warst, was hast du da gearbeitet?“

Mir bleibt zunächst die Spucke weg. Als ich noch eine FRAU war??? Um Himmels Willen, was bin ich denn wohl jetzt? Das muss ich jetzt aber genau ergründen.

„Sag mal, wieso denkst du, dass ich eine Frau WAR? Ich BIN doch eine Frau“.

Kurzes Nachdenken, bei meinem Enkel, und dann seine Sicht der Dinge:

„Nein, jetzt bist du keine Frau, du bist eine Oma !!!“

„Ja aber eine Oma ist doch auch eine Frau,“ entgegne ich hilflos.

„Nein,“ kommt es nicht gerade sehr charmant zurück. „Omas sind alt.“

Tja, was sagt man dazu? Ich nehme es zur Kenntnis und verkünde  hiermit nachdrücklich allen Großmüttern und Großvätern: Ihr seid alle geschlechtsneutral und alt. Basta.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Zitronenfalter

Von mirabelle48, 11:14

Ein Falter namens Valentin
verliebte sich, man glaubt es kaum,
in eine schöne Falterin,
die wohnte im Zitronenbaum.

Frau Falterin mit Namen Ruth
besah ihn sich genauer.
Erhört' ihn nicht, fand ihn nicht gut,
da wurd' der Falter sauer.

So blieb der Valentin allein
und sauer bis ins Alter.
Drum heißt er, könnte doch so sein,
seitdem Zitronenfalter.

 

Hände

Von mirabelle48, 01:14


Wie sie noch so  winzig sind,

doch sie werden wachsen, reifen,

deine Hände, liebes Kind.

Wollen ihre Welt begreifen.

 

Werden sie, wenn sie mal groß,

nicht nur nehmen sondern geben?

Legst du sie nur in den Schoß

oder schaffst du was im Leben?

 

Werden sie einst sanft und zart,

streichelnd andre Haut berühren?

Oder strafend, grob und hart

schlagende Beweise führen?

 

Noch legst du voll Zuversicht

sie in meine, die dich schützen.

Später jedoch kann ich’s nicht,

musst sie selber dann benützen.

 

Liebes Kind, reich deine Hände

anderen wenn’s nötig ist.

Du wirst seh’n, dass dann am Ende

Du am meisten glücklich bist.

 

Bild: Jan E.

Montag, 24. Oktober 2011

Ich verliere mich

Von mirabelle48, 21:44


Sie sagen, ich bin verwirrt. Ich habe es deutlich gehört, als ich mit meiner Tochter Miriam beim Arzt war.

Er hat mir so komische Fragen gestellt, Fragen, die meinen Enkelkindern angemessen gewesen wären. Rechenaufgaben, die ich als Erstklässlerin schon lösen konnte. Dreiecke sollte ich malen, Quadrate, ein Uhr zeichnen. Du lieber Himmel, ich konnte doch noch nie zeichnen. Ich habe es gut gemacht, es war alles, wie es sein sollte. Aber sie schauten mich so merkwürdig an, der Dr….oh, ich komme nicht auf den Namen. Und dieser Blick von Miriam, sie schaute so fremd, es machte mir Angst. Sie sagen, die kognitiven Fähigkeiten haben rapide nach gelassen.
Und der Doktor hat gesagt, wenn es schlimmer wird, dann brauche ich eine Rundumbetreuung.

Aber ich bin doch nicht verwirrt. Ich weiß ganz genau, dass Egon, mein Mann und Miriams Vater jeden Tag um 17.00 Uhr von der Arbeit kommt, und deshalb habe ich natürlich gekocht und den Tisch gedeckt. Miriam sagt, er ist vor Jahren schon gestorben, aber das stimmt nicht, dann brauchte ich ja nicht für ihn zu kochen. Miriam sagt, Mama, du hast doch vergessen, den Herd anzustellen, die Kartoffeln sind roh, das Fleisch liegt ungebraten in der Pfanne, Papa kommt nicht. Miriam ist rechthaberisch und will mir einreden, dass ich verrückt bin und unbedingt Hilfe brauche.

Sie kann nicht begreifen, dass ich allein gut klar komme, bis Egon von der Arbeit kommt. Mama, du hast ja dein Kleid über das Nachthemd angezogen, sagt sie und will mich umziehen. Aber das lasse ich nicht zu, immer will sie alles besser wissen. Ich finde das neue Kleid schön.

Und sie will, dass eine Pflegerin zu mir in meine Wohnung kommt. Es ist meine Wohnung, und ich will nicht, dass Fremde mich versorgen. Ich lasse sie nicht herein. Aber Miriam hat ihnen einen Schlüssel gegeben. Plötzlich steht eine fremde Frau vor mir und wollte mich waschen. Na, der habe ich aber deutlich gesagt, was ich davon halte. Aber sie war kräftiger als ich. Ich fror, es war ihr egal, waschen muss sein, hat sie gesagt und mich mit dem Vornamen angesprochen. Nein, ich will nicht, dass sie wieder kommt.

Und gestohlen hat sie auch. Mein Portemonnaie ist weg. Mit meinem ganzen Geld. Miriam sagt, dass ich es im Kühlschrank versteckt habe, aber das habe ich ganz bestimmt nicht.
Ich habe Angst. Das Telefon klingelt so laut, aber ich gehe besser nicht dran. Das ist bestimmt Miriam, sie will wieder wissen, ob ich gegessen und getrunken habe.
Aber ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich warte, bis Michael kommt. Michael, das ist mein Sohn, er ist ein so niedlicher Junge und er macht mir viel Freude. Ein guter Schüler. Egon und ich sind so stolz auf ihn. Bestimmt wird er mal ein Arzt oder Rechtsanwalt. Miriam sagt, Michael wohnt doch mit seiner Familie schon seit 15 Jahren in Übersee und er wird erst zu Weihnachten wieder kommen.

Weihnachten…

Egon und ich werden Michael zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn schenken und Miriam bekommt das große Puppenhaus, was sie sich schon so lange gewünscht hat. Und Egon, dem habe ich einen wunderschönen Norwegerpullover gestrickt. Ich werde jetzt die Gans in den Ofen schieben.

Warum schimpft denn Miriam nun mit mir? Sie zetert laut und aufgeregt und packt meinen großen Koffer. Was, ich soll die Wolldecke in den Backofen gelegt und ihn auf 200 Grad gestellt haben? Und die ganze Küche soll voller Qualm gewesen sein und ich hätte im Wohnzimmer mir in aller Ruhe das Fotoalbum angeschaut? Und deshalb soll ich jetzt in ein Heim?

Aber das geht doch nicht, wer kocht denn dann für Egon?



Unser Haus

Von mirabelle48, 08:43



Das Haus, das wir gemeinsam uns erbauten,

erwuchs einst aus geträumten Illusionen.

Voll Zuversicht wir in die Zukunft schauten,

wir waren jung und hatten noch Visionen.

 

Für andre war es klein und  unscheinbar,

jedoch für dich und mich ein Traumpalast,

der fortan lange unsre Heimat war,

wir sorgten dafür, dass das Haus uns passt.

 

Vertrauen war das starke Fundament,

verlieh Stabilität des Hauses Wänden.

Was man gemeinhin  kleines Glück oft nennt,

wir hielten es für Jahre in den Händen.

 

Die Liebe war auf unsrem Haus das Dach.

Sie wäre sicher gerne noch geblieben,

wenn wir nicht dummerweise nach und nach,

sie hätten mit Gleichgültigkeit vertrieben.

 

Bild: B.S.