Ich verliere mich
Von mirabelle48, 21:44Sie sagen, ich bin verwirrt. Ich habe es deutlich gehört, als ich mit meiner Tochter Miriam beim Arzt war.
Er hat mir so komische Fragen gestellt, Fragen, die meinen Enkelkindern angemessen gewesen wären. Rechenaufgaben, die ich als Erstklässlerin schon lösen konnte. Dreiecke sollte ich malen, Quadrate, ein Uhr zeichnen. Du lieber Himmel, ich konnte doch noch nie zeichnen. Ich habe es gut gemacht, es war alles, wie es sein sollte. Aber sie schauten mich so merkwürdig an, der Dr….oh, ich komme nicht auf den Namen. Und dieser Blick von Miriam, sie schaute so fremd, es machte mir Angst. Sie sagen, die kognitiven Fähigkeiten haben rapide nach gelassen.
Und der Doktor hat gesagt, wenn es schlimmer wird, dann brauche ich eine Rundumbetreuung.
Aber ich bin doch nicht verwirrt. Ich weiß ganz genau, dass Egon, mein Mann und Miriams Vater jeden Tag um 17.00 Uhr von der Arbeit kommt, und deshalb habe ich natürlich gekocht und den Tisch gedeckt. Miriam sagt, er ist vor Jahren schon gestorben, aber das stimmt nicht, dann brauchte ich ja nicht für ihn zu kochen. Miriam sagt, Mama, du hast doch vergessen, den Herd anzustellen, die Kartoffeln sind roh, das Fleisch liegt ungebraten in der Pfanne, Papa kommt nicht. Miriam ist rechthaberisch und will mir einreden, dass ich verrückt bin und unbedingt Hilfe brauche.
Sie kann nicht begreifen, dass ich allein gut klar komme, bis Egon von der Arbeit kommt. Mama, du hast ja dein Kleid über das Nachthemd angezogen, sagt sie und will mich umziehen. Aber das lasse ich nicht zu, immer will sie alles besser wissen. Ich finde das neue Kleid schön.
Und sie will, dass eine Pflegerin zu mir in meine Wohnung kommt. Es ist meine Wohnung, und ich will nicht, dass Fremde mich versorgen. Ich lasse sie nicht herein. Aber Miriam hat ihnen einen Schlüssel gegeben. Plötzlich steht eine fremde Frau vor mir und wollte mich waschen. Na, der habe ich aber deutlich gesagt, was ich davon halte. Aber sie war kräftiger als ich. Ich fror, es war ihr egal, waschen muss sein, hat sie gesagt und mich mit dem Vornamen angesprochen. Nein, ich will nicht, dass sie wieder kommt.
Und gestohlen hat sie auch. Mein Portemonnaie ist weg. Mit meinem ganzen Geld. Miriam sagt, dass ich es im Kühlschrank versteckt habe, aber das habe ich ganz bestimmt nicht.
Ich habe Angst. Das Telefon klingelt so laut, aber ich gehe besser nicht dran. Das ist bestimmt Miriam, sie will wieder wissen, ob ich gegessen und getrunken habe.
Aber ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich warte, bis Michael kommt. Michael, das ist mein Sohn, er ist ein so niedlicher Junge und er macht mir viel Freude. Ein guter Schüler. Egon und ich sind so stolz auf ihn. Bestimmt wird er mal ein Arzt oder Rechtsanwalt. Miriam sagt, Michael wohnt doch mit seiner Familie schon seit 15 Jahren in Übersee und er wird erst zu Weihnachten wieder kommen.
Weihnachten…
Egon und ich werden Michael zu Weihnachten eine elektrische Eisenbahn schenken und Miriam bekommt das große Puppenhaus, was sie sich schon so lange gewünscht hat. Und Egon, dem habe ich einen wunderschönen Norwegerpullover gestrickt. Ich werde jetzt die Gans in den Ofen schieben.
Warum schimpft denn Miriam nun mit mir? Sie zetert laut und aufgeregt und packt meinen großen Koffer. Was, ich soll die Wolldecke in den Backofen gelegt und ihn auf 200 Grad gestellt haben? Und die ganze Küche soll voller Qualm gewesen sein und ich hätte im Wohnzimmer mir in aller Ruhe das Fotoalbum angeschaut? Und deshalb soll ich jetzt in ein Heim?
Aber das geht doch nicht, wer kocht denn dann für Egon?


