Keine besonderen Vorkommnisse ...
Von mirabelle48, 10:06Soll heißen: Es war eine ruhige Nacht, kein Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, kein Sturz mit üblen Folgen, kein Notfall, „ruhig“ eben für eine Nacht in einer Einrichtung für Demenzkranke. Nachts schlafen doch alle, oder doch nicht?.
20.45
Dienstbeginn, Übergabe, vorwurfsvoll: „Viele Grüße vom Frühdienst, Herr X. war morgens total nass, Frau Y. total eingekotet.”
Wut im Bauch, man kann schließlich morgens um 6.00 nicht überall gleichzeitig sein.
21.00
Spätdienst geht in den wohlverdienten Feierabend.
Ich flitze durch die Zimmer, alle da? Liegt keiner auf dem Boden?
Die ersten Stecklaken werden gewechselt, Nachthemden ausgetauscht, weil Frau P. sich die Vorlage ausgezogen und Herr S die Toilette nicht gefunden hat.
21.45
Nachtmedikation verteilen, Getränke reichen, Herrn W. davon überzeugen, dass es nicht in Ordnung ist, bei -3° barfuß in den Garten zu gehen, dabei ein Auge auf Frau K. werfen, die versucht, Frau T. aus dem Sessel zu helfen, obwohl sie selbst kaum sicher auf den Beinen ist.
22.30
Frau K. zeigt erste Ermüdungserscheinungen, man nutzt das aus und bringt sie ins Bett in der Hoffnung, dass sie schlafen wird.
Anschließend 1. Versorgungsrundgang. Wieder ein Bett nass, Herr B. hat die Vorlage in 1000 Teile zerrissen und im Zimmer verteilt, schön gleichmäßig.
Ergebnis: Vorlage trocken, Bett nass.
00.15
Rundgang beendet, Kaffee aufsetzen, Dokumentation beginnen. Plötzlich ein Schrei, dann Stille.
Woher kam der Schrei? Da- schon wieder. Ich erkenne die Stimme von Frau A. und versuche, sie zu beruhigen. Das gelingt nur mühsam, sie glaubt ich bin die verhasste Schwiegertochter und will sie vergiften, als ich versuche, ihr etwas Tee zu reichen. Doch dann lässt sie sich in den Arm nehmen und ihre Anspannung lässt nach.
Als ich das Zimmer verlassen will, drehe ich mich um und erschrecke fast zu Tode:
Herr D. ist auf leisen Sohlen in die geöffnete Tür getreten und steht plötzlich vor mir, weil er meint, dieses hier sei die Toilette. Ich bringe ihn dorthin und danach wieder zu Bett.
Jetzt weiter dokumentieren.
01.45
Noch mal nach allen sehen, lagern, trinken lassen, bei Toilettengängen begleiten…
Das Telefon klingelt, eine Kollegin braucht Hilfe.
Auf dem Rückweg kommt mir Frau K. entgegen, in Hut und Mantel, sie will zur Straßenbahn, um ihre Tochter zu besuchen. Sie hat es sehr eilig, und so renne ich neben ihr her und erkläre ihr, dass sie diese Straßenbahn nicht mehr kriegt, sie soll die nächste nehmen. Gott sei Dank lässt sie sich für die Wartezeit zu einer Tasse Tee in den Wohnbereich einladen. Hut und Mantel bleiben natürlich an. Nachdem sie den Tee ausgetrunken hat, ist sie bereit
wieder ins Bett zu gehen, allerdings nur, wenn sie den Mantel und den Hut anbehalten kann. Sie will ja nur ein kleines Nickerchen machen.
Egal, Hauptsache, sie bleibt hier.
02.30
Lautes Schimpfen aus dem Zimmer von Herrn O.. Frau L. hat den ersten Schlaf aus und ist in das Zimmer von Herrn O. gegangen. Sie möchte sich jetzt mit ihm unterhalten und hat ihn geweckt. Er quittiert das mit einem lautstarken Fluch, so dass ich befürchte, dass er den ganzen Wohnbereich aufweckt. Mit der Aussicht auf ein Stück Schokolade lässt sich Frau L. aus seinem Zimmer locken. Pühh, Glück gehabt, sie kann manchmal sehr hartnäckig sein. Und Herr O. hat sich auch wieder beruhigt.
04.00
Erneuter Rundgang. Welch ein Glück: Nur 4 Laken, 1 Nachthemd und 2 Bettbezüge waren nass. Und die Vorlage von Herrn B. ist diesmal nur in 500 Teile zerrissen, Ergebnis wie gehabt: Vorlage trocken, Bett nass.
05.10
Herr U. hat seinen Schlaf aus und läuft barfuß über den Flur. Also Hausschuhe und Morgenmantel an.
Aus dem nächsten Zimmer kommend, stelle ich fest, er hat sich der Schuhe wieder entledigt.
Rundgang fertig, Kaffee für die Frühaufsteher aufsetzen, Hausschuhe von Herrn U. suchen und wieder anziehen ( Erfolg für ca. 10 Min.), eigene Utensilien wegräumen.
Bis dahin sind weitere Bewohner aufgestanden und wandern ohne Pantoffeln im Nachthemd oder Schlafanzug über den Flur. Ich helfe bei Bademänteln und Hausschuhen und serviere ihnen gemeinsam im Aufenthaltsraum einen Kaffee.
Dokumentation wird erledigt.
06.15
Ich setze mich zu den Bewohnern, damit diese nicht mit der Kaffeetasse in der Hand und ohne Schuhe in den Fluren des Hauses oder in den Garten verschwinden.
06.30
Der Frühdienst kommt und fragt freundlich grinsend: Na, gut geschlafen?
Ja, sage ich, keine besonderen Vorkommnisse, alles ruhig..
Die Nacht ist rum. Es war eine ruhige Nacht:
Kein Fieber, kein Erbrechen, kein Durchfall, keine
Platzwunde, kein Notfall.


