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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Montag, 26. März 2012

Gelb und grau

Von mirabelle48, 16:23


Ich möchte frei sein, dachte sich

Kanarienvogel Klaus.

Nur ist der Käfig hinderlich,

ich komme da nicht raus.

 

Ich möchte nicht mein Leben lang

allein im Käfig singen,

viel lieber mit meinem Gesang

auch Andren Freude bringen.

 

Als sich die Chance bot, flog Klaus

voll Hoffnung und gespannt

schnell in die weite Welt hinaus

wie er es lang geplant.

 

Inmitten einer Spatzenschar

sang Klaus nun seine Lieder,

doch neideten sie dem Kanar

Gesang und auch Gefieder.

 

Schnell hatten sie ihn schon umringt

und hackten auf ihn ein.

Wer statt zu tschilpen Lieder singt,

kann unser Freund nicht sein.

 

Und dann auch noch solch gelbe Federn,

statt graue, so wie wir.

Gehässig hörte man sie zetern,

mach dich bloß fort von hier.

 

Doch eine Spätzin in der Schar

war völlig frei von Neid,

genoss das Lied von dem Kanar,

und auch sein Federkleid.

 

Gemeinsam flogen sie davon,

und fanden einen Platz,

wo gerne hörte man den Ton

von Klaus und seinem Spatz.

 


Sonntag, 18. März 2012

Oh, diese Stimme

Von mirabelle48, 12:24

Dass Stimmen, gerade auch Telefonstimmen, bestimmte Vorstellungen auslösen, hat bestimmt jeder von uns schon mal erlebt.

Nein, nicht die Telefonstimmen der Callcenter-Agents, die lösen bei mir gar nichts aus, allenfalls den Reflex zum Auflegen.
Ich meine in diesem speziellen Fall auch nicht die Telefonstimmen mancher Internetbekanntschaften, die ich die Ehre hatte, schon zu hören. Oder doch, die schon eher, da kommt frau schon mal ins Grübeln…

Während meiner Berufstätigkeit musste ich halt viel telefonieren. Meistens waren es Gespräche, die kurz und sachlich waren.

Und dann plötzlich in diesem Stimmeneinerlei eine männliche Stimme, die mich aufhorchen ließ. Ein neuer Kollege, der in einer anderen Einrichtung unseres Trägers arbeitete, wollte sich per Rundruf wenigstens telefonisch vorstellen, da wir in Zukunft häufiger miteinander zu tun haben würden.
Klar war er in unserer monatlich erscheinenden innerbetrieblichen Infoschrift schon angekündigt worden, aber so etwas liest frau, nimmt es zur Kenntnis und dann ist es auch schon wieder weg.

Jetzt also dieser Anruf. Diese Stimme….Wie soll ich sagen, also tief, sanft, trotzdem kraftvoll, einfach angenehm. Ich horchte auf und das Gespräch dauerte auch einige Zeit, frau hat ja so ihre Strategien, nicht wahr???

Ich machte mir eine genaue Vorstellung davon, wie er aussah: Natürlich, groß, dunkelhaarig, wahrscheinlich hatte er braune Augen? Oder reizvoll wäre natürlich auch der Kontrast, vielleicht doch zu den dunklen Haaren blaue Augen, schlank … bei dieser Stimme musste er ein außergewöhnliches männliches Exemplar sein.

Es folgen noch viele Telefonate und immer mehr verfestigte sich mein Eindruck. Humor hatte er auch noch und sein Lachen nahm mich noch mehr für ihn ein. Kurz, ich erlaubte den ersten Schmetterlingen, in meinem Bauch zu fliegen. Bald ertappte ich mich dabei, dass ich einen Anlass suchte, um ihn „dienstlich“ anzurufen  und die Gespräche auch nach Möglichkeit ausdehnte.

Und ich freute mich riesig, als er sagte, dass wir uns ja in Kürze auf der Dienstbesprechung in der Zentrale persönlich begegnen würden. Eigentlich hasste ich diese endlosen Sitzungen, die eine relativ kurze Tagesordnung hatten, sich aber trotzdem wie Gummi in die Länge zögen, weil dann unter dem Punkt „Verschiedenes“  die endlosen Diskussionen erst richtig los gingen, Ende offen….

Diesmal schlief ich in der Nacht vorher schon schlecht, schließlich würde ich „ihn“ endlich kennen lernen. Und dann die Frage aller Fragen, was zieht frau an? Fast wäre ich noch zu spät gekommen, weil ich mich mehrmals umgezogen hatte, bis ich endlich mit mir zufrieden war.

Und dann war ich endlich da. Unser Geschäftsführer war gerade im Gespräch mit einer Kollegin und einem mir nicht bekannten Herrn und ich hörte wie er sagte, Frau A. darf ich Ihnen Ihren neuen Kollegen, Herrn M. vorstellen ?
Ich ging drei Schritte zurück und musste mich erst mal sammeln, der Herr neben ihm sollte wirklich  „er“ sein? Einen halben Kopf kleiner als ich, Halbglatze, sehr übergewichtig, aber diese Stimme als er zu der Kollegin sagte: Freut mich sehr, Sie endlich persönlich kennen zu lernen…

Bild: eigene CD 37.000 Cliparts

Samstag, 10. März 2012

Kennst du ihn?

Von mirabelle48, 11:01



Wie oft hatte sie diese Frage gehört.
Oh ja, und ob sie ihn kannte. Begleitete er sie doch, seit sie denken konnte. Das erste Mal machte sie Bekanntschaft mit ihm, als sie damals beim Rodeln total die Zeit vergaß, mit den anderen Kindern draußen blieb, obwohl es schon längst dunkel war und die Straßenlaternen lange Zeit schon brannten. Nach und nach wurden es immer weniger Kinder, die noch draußen waren, aber sie bemerkte es kaum. Zitternd vor Kälte ging sie dann irgendwann heim, 2 Stunden später als vereinbart. Empfangen wurde sie mit der Frage:

Kennst du ihn?

Und dann lernte sie ihn kennen. Wehren war zwecklos, die Mutter und er waren stärker. Es tat weh, sie verstand es kaum, warum sie so hart bestraft wurde. Sie hatte doch nur die Zeit vergessen.
Intensiver noch machte sie Bekanntschaft mit ihm, als sie beim Nachfüllen des Schulfüllers aus Versehen das Tintenfass umstieß. Entsetzt starrte sie auf den immer größer werdenden See in königsblau, der sich auf ihrem neuen Kleid bildete, das sie trotz Verbotes an diesem Tag zur Schule angezogen hatte, weil sie es ihren Freundinnen stolz hatte zeigen wollen. Und nun bei ihren Hausaufgaben dieses Missgeschick. Das würde Ärger geben, ihre Mutter würde fragen:

Kennst du ihn?

Schnell zog sie das Kleid aus und versteckte es. Aber natürlich fand es ihre Mutter einige Tage später und bemerkte die Tinte. Und das war das erste Mal, dass sie log. Nein sie wisse nicht, wie das Kleid dorthin gekommen sei, nein den Fleck könne sie sich nicht erklären. Ihre Mutter sah sie wütend an und schon kam die erwartete Frage:

Kennst du ihn?

Dann tanzte er auf ihrem Rücken, der Schmerz war fast unerträglich, sie schrie, und je mehr sie schrie, desto wilder wurde er in Mutters Hand. Bis ihr Schreien in ein erschöpftes Wimmern überging.
Und tagelang schlief sie nur auf dem Bauch. Vom Sportunterricht wurde sie befreit, Mutter schrieb eine Entschuldigung, dass sie wegen Unpässlichkeit nicht teilnehmen solle.

Oh ja, sie kannte ihn.

Aber er und sie, sie arrangierten sich. Sie kannten sich mit der Zeit immer besser, immer häufiger log sie, je mehr sie log, umso öfter hörte sie die Frage:

Kennst du ihn?

Ihn, der eigentlich dazu gedacht war, im Hof die Teppiche zu klopfen, Wolken von Staub aus ihnen heraus zu schlagen. Ihn, der immer dann, wenn er nicht gebraucht wurde, ganz unschuldig in der Besenkammer am Haken hing. Ihn, der immer noch da war, obwohl es mittlerweile einen Staubsauger gab und er für die Teppiche nicht mehr benutzt wurde. Ihn, diesen kunstvoll geflochtenen Gegenstand, ihn, den sie fürchtete und hasste. Ihn, der die Kraft und die Macht besaß, die Wahrheit aus ihr herauszuprügeln.

Sie tat einen Schwur und sie hielt ihn: Niemals würde sie ein Kind fragen:

Kennst du ihn ?


Donnerstag, 08. März 2012

Wie Samt und Seide

Von mirabelle48, 21:47

Es war weiß Gott keine Liebe auf den ersten Blick,  noch nicht einmal Sympathie.  


Vor über vierzig Jahren, als ich sie zum ersten Mal sah, war es eher eine mehr oder weniger erzwungene Zweckgemeinschaft auf Probe. Nicht freiwillig lernte ich sie kennen,  es war die Notwendigkeit, Arbeit zu finden, die mich veranlasste, mich überhaupt mit ihr zu befassen.

Man nannte und nennt sie die Samt- und Seidenstadt, mein erster Eindruck hatte aber so gar nichts Samtiges oder Seidiges, er erinnerte mich eher an hartes, ungebleichtes Leinen, nützlich, strapazierfähig und grob strukturiert.  

Es brauchte eine lange Zeit, bis ich meinen „Weichspüler“ entdeckte, der den groben Stoff  für mich „hautverträglich“ machte. Und das waren die Menschen, die hier lebten. Zwar hatten wir anfangs erhebliche Verständigungsprobleme, denn wenn „Einheimische“  krieewelsch sprachen, verstand ich nur Bahnhof. Doch nach und nach lernte ich verstehen, wenn auch leider bis heute nicht sprechen, auch wenn mein „hochdeutsch“ mittlerweile eine eindeutige niederrheinische Klangfärbung hat.

Wir gewöhnten uns aneinander, die Stadt und ich, ich lernte sie sympathisch finden und mit der Zeit sogar lieben. Mein Sohn wurde in dieser Stadt geboren und wuchs hier auf, meine Enkel wurden in dem Krankenhaus geboren, das mir damals Arbeit und Brot gab und in dem ich fast 20 Jahre arbeitete, bis ich mich beruflich umorientierte. Und ich nahm es gerne in Kauf, jeden Tag morgens und abends 50 km zu fahren, um meinen Lebensmittelpunkt hier zu behalten. In der Stadt mit dem vielen Grün, einem der längsten Radwegenetze, den vielen Kultur- und Freizeitangeboten und nicht zuletzt mit Bewohnern so vieler unterschiedlicher Herkunft und Kulturen.

Die Stadt ist zu meiner ganz persönlichen Samt- und Seidenstadt geworden, sie hüllt mich weich ein wie Samt und ist mir kostbar wie Seide.

Wer jetzt etwas zur Geschichte und den Besonderheiten dieser meiner Stadt in diesem Text vermisst, das alles kann man, wenn man möchte, sehr detailliert hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Krefeld.

 

Bild: Wikipedia

Freitag, 02. März 2012

Mit allen Sinnen

Von mirabelle48, 10:46

Wenn deine Augen wahrhaft sehen,

die rosa Brille abgelegt,

ihn nicht durch ein Podest erhöhen

und trotzdem er dein Herz bewegt,

 

wenn, was er sagt, dein Ohr erreicht,

obwohl er meist in Prosa spricht,

gewünschter Poesie nicht gleicht,

und dennoch klingt wie ein Gedicht,

 

wenn mancher seiner Küsse schmeckt

nach Eintopf statt nach Haute cuisine

und hast dabei für dich entdeckt,

so hin und wieder magst du ihn,

 

wenn heut sein ganz spezieller Duft,

der dir einst schien exorbitant,

ganz einfach nur noch gute Luft,

schlicht angenehm und wohl bekannt,

 

wenn deine Haut an seiner Haut

nicht mehr verbrennt durch heiße Glut,

doch wärmend, zärtlich und vertraut,

du spürst, die Nähe tut dir gut,

 

dann das „Verliebt sein“ langsam schwindet,

und ganz erstaunt wirst du erkennen,

was euch nun weiterhin verbindet

ist, was die Menschen LIEBE nennen.