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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Freitag, 28. September 2012

Nur ein Gesicht

Von mirabelle48, 13:45

 



Eine kleine Bildbetrachtung von jemandem, der nichts von Malerei versteht. Der Kunst nur nach "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" beurteilen kann


„Ich malte doch nur ein Gesicht“, sagtest du, als ich dir erzählte, dass dies eines deiner Bilder ist, das mich auf seltsame Art berührte, als ich es das erste Mal sah.

Ich sehe Farben, die dieses Gesicht umgeben. Helle und dunkle, fröhliche und melancholische, vielfältig wie das Leben, das uns umgibt.

Ich sehe Formen, auf den ersten Blick willkürlich, verwirrend  und doch in ein geordnetes Chaos gebracht. Ist nicht auch das Leben oft willkürlich, verwirrend, chaotisch? Und dennoch in Ordnung und Regeln eingebettet?

Inmitten des Spieles mit kräftigen und satten Farben ein Gesicht, nur ein Gesicht, anonym, fremd und doch mir auf eine seltsame Weise vertraut. Es scheint mir, als habe der Mensch dahinter Stück für Stück Kanten und Ecken abgetragen, um eine Lücke zu schaffen, seinen Platz zu finden, freie Sicht zu haben und wahrgenommen zu werden.

Ein blasses, aber keineswegs farbloses Gesicht, nicht ebenmäßig aber schön, maskenhaft und dennoch ausdrucksstark, melancholisch aber nicht verzweifelt, willensstark und dennoch verletzlich, fragend aber auch wissend, abstrakt und doch real und präsent. Die Schatten der Farben und Formen, durch die es sich gekämpft hat, sind sichtbar aber sie entstellen es nicht.

„Nur ein Gesicht“, sagtest du, "ein Gesicht mit Ecken und Kanten".

 Doch je öfter ich dieses Bild betrachte, umso mehr finde ich mich darin wieder. Du hast nur ein Gesicht gemalt, und ohne es zu wissen, meines.

 

Bild: B.S.

Samstag, 22. September 2012

Freie Auswahl

Von mirabelle48, 07:43

Von allen Litfasssäulen der Stadt prangt es: Große Herbstkirmes. Liese ist begeistert, seit frühester Kindheit liebt sie die Atmosphäre auf dem Rummelplatz, den Geruch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, das Stimmengewirr der Besucher, die Musik, die aus den  Lautsprechern der vielen Fahrgeschäfte dröhnt, wobei wohl jedes versucht, den Nachbarn zu übertönen, laut und dennoch irgendwie passend. Und mittendrin die Schausteller, die über schlecht klingende Mikrophone das geschätzte Publikum auffordern,

ihr Fahrgeschäft zu benutzen, an ihrer Bude zu schießen, Dosen zu werfen oder ihre Lose zu kaufen. Dieses Flair mag Liese, es erinnert sie immer an ihre Kindheit, als natürlich die Fahrgeschäfte ganz andere waren und nur einen Bruchteil dessen kosteten, was heute zu bezahlen ist.

Besonders gefallen hatten Liese immer schon die Losbuden und ihr größter Wunsch war es, einmal einen großen Teddy zu gewinnen. Als kleines Mädchen war sie immer sehr traurig, wenn ihr ein anderes Kind mit einem solchen Hauptgewinn im Arm und strahlenden Augen entgegen kam. Und auch ein bisschen wütend auf ihren Vater, dass er nicht mehr Lose gekauft hatte, bestimmt hätte sie dann den begehrten Teddy gewonnen. Aber ihr Vater blieb hart, Lose für eine Mark und Schluss.

Als sie erwachsen wurde, blieb die Sehnsucht nach einem Teddy. Natürlich hätte sie sich von ihrem Geld längst einen kaufen können, aber das war es nicht, sie wollte ihn gewinnen.

Doch auch wenn sie bei jedem Kirmesbesuch etliche Lose kaufte, sie hatte einfach kein Glück, die meisten Lose waren Nieten und die wenigen, die eine Nummer hatten, ergaben nutzlose Kleinigkeiten, die sie verschenkte oder, wenn es z.B. Pfeffer- und Salzstreuer waren, in der hintersten Ecke des Schrankes verstaute, bis sie dann bei der nächsten Aufräumaktion entsorgt wurden.

Doch wer soviel Pech im Spiel hat, der muss doch Glück in der Liebe haben.  Ja, das hat sie, ihr Liebster ist ein Mann, wie sie sich keinen besseren wünschen kann, bis auf einen klitzekleinen Fehler: Er mag keine Kirmes. Bisher sind alle Versuche, ihn dazu zu bewegen, sie zu begleiten, fehlgeschlagen. Aber sie nimmt sich vor, diesmal kommt er nicht umhin, er muss  einfach mitkommen. Sie wird sich einfach diesen gemeinsamen Kirmesbummel zum Geburtstag wünschen. Das kann er ihr doch nicht abschlagen, zumal es ihr dreißigster ist.

Liese, gefangen von den Eindrücken des Rummels und ihr Liebster, der sie ein wenig wegen ihrer Begeisterung neckt, schlendern also über den Platz. Alles ist wie immer und als sie an einer Losbude vorbei kommen, will Liese wie immer ihr Glück versuchen. Sie kauft zehn Lose, zieht nach und nach neun aus dem Eimer, den ihr der Verkäufer hinhält, das zehnte zieht der Liebste. Und auch das ist wie immer, Liese hat sieben Nieten gezogen und die beiden anderen werden sicher auch kein Volltreffer sein.

Sie dreht sich frustriert nach ihrem Liebsten um, doch der ist plötzlich verschwunden.  Enttäuscht will sie ihre beiden Gewinnlose eintauschen, als sie die Stimme des Losverkäufers hört: „ Und wieder mal hier die freie Auswahl, Glückwunsch der Herr, was hätten Sie denn gern?“

Und ehe sie es richtig begreift, sieht sie ihren Allerliebsten, wie er einen riesengroßen quietschgelben Teddy in Empfang nimmt. Er überreicht ihn ihr schelmisch grinsend mit den Worten: „Hier mein Geburtstagsgeschenk für dich, ich habe für dich das große Los gezogen.“ Und ganz zärtlich, so dass nur sie es hören kann setzt er hinzu „und nicht nur für dich sondern auch mit dir.“ Was Wunder, dass Liese nun mit stolzgeschwellter Brust und glücklich ihren Teddy im Arm hält und sich fühlt wie ein kleines Mädchen.

Der Teddy hat bis heute, fast 35 Jahre später,  immer noch seinen Ehrenplatz auf einem kleinen Kinderstühlchen, das Liese damals für ihn besorgte, und Lose kauft Liese heute bei Kirmesbesuchen nur noch für ihre Enkel.

Dienstag, 18. September 2012

Wer suchet, wird finden?

Von mirabelle48, 09:24


Seit Jahren wünscht Susanne schon,

sich eine Wohnung mit Balkon.

Ansonsten ist perfekt ihr Nest

und trefflich sich's dort wohnen lässt,

doch eines um das andre Mal,

denkt sie: "Balkon wär ideal,

mit bunten Blumen gut bestückt,

das wär es, was mein Herz entzückt.“

Und weil ein neues Domizil

nur findet, wer auch suchen will,

studiert sie jetzt jede Annonce

und hofft, sie hat auch eine Chance.

 

Susanne hat sich vorgestellt,

ihr Mittelpunkt der Lebenswelt,

der bleibe tunlichst ihr erhalten,

das wird die Suche schwer gestalten.

Dazu kommt auch, wie sie wohl weiß,

dass ein Balkon hat seinen Preis.

Nur wenn das Preisverhältnis stimmt,

sie einen Umzug auf sich nimmt.

So schmeißt sie manches Angebot

schon ungesehen in den Schrott.

Auch kommt es für sie nicht infrage,

dass nebst Kaution sie zahlt Courtage.

Doch hat Susanne unverdrossen,

die Suche noch nicht abgeschlossen.

 

Im kostenlosen Wochenblatt

Da fällt ihr auf ein Inserat,

das äußerst viel versprechend klingt

und gleich ihr Herz in Wallung bringt.

Da wird geworben mit zwei Räumen,

mit Küche, Bad, Balkon zum Träumen,

dazu auch noch im Erdgeschoss!!

Susannes Freude, die ist groß.

Und letztendlich, nicht zu vergessen,

ist auch der Preis sehr angemessen.

Dazu nur ein paar Straßen weiter-

Ganz hoffnungsvoll und äußerst heiter.

Greift sie zum Telefon schnell hin

und bittet um einen Termin.

Sie hofft, dass dies nach Augenschein,

mög ihre neue Wohnung sein.

 

Fünfzehn Minuten vor der Zeit

steht sie vor’m Haus dann schon  bereit,

sie kann es fast nicht mehr erwarten,

die Heimbesichtigung zu starten.

Doch als die Räume sie besichtigt,

hat sich die Freude schnell verflüchtigt.

Ein riesengroßer Minusposten

ist, der Balkon liegt Richtung Osten,

zudem ist er noch winzig klein,

so sagt sie augenblicklich „nein“.

 

Enttäuschung steht ihr im Gesicht,

doch aufgeben, das will sie nicht.

Susanne fasst rasch den Entschluss,

dass sie auch online suchen muss.

Wozu ist schließlich sie vernetzt?

Frisch auf an den PC gesetzt

und nach schaun, was in ihrer Stadt

der Wohnungsmarkt zu bieten hat,

gibt hurtig ein die Parameter,

und schon ein paar Sekunden später,

erscheint auf ihrem Monitor,

was das Portal ihr schlägt so vor,

das muss jetzt genau studieren,

wird es sie wohl zum Ziele führen?

 

Da sitzt sie nun und ganz verzückt

sie durch die Angebote klickt,

liest, was dort wortreich wird geschildert,

zum größten Teil auch gut bebildert,

und könnte was infrage kommen,

wird’s auf die Merkliste genommen.

Schreibt mehrere Vermieter an,

wann sie die Wohnung sehen kann?

Weil sich im Netz viel Makler tummeln,

die auch mit Text und Bild gern schummeln,

enttäuscht sie meist, was sie sodann

in Augenschein da nehmen kann.

Susanne denkt, sie wird gelassen

vorerst das Suchen bleiben lassen.

Wer braucht im Herbst und Winter schon

auch eine Wohnung mit Balkon?




Dienstag, 11. September 2012

"Musterknaben"

Von mirabelle48, 12:13




Stille stets bei Tische sitzen

keinesfalls den Kopf aufstützen,

reden nur, wenn man gefragt,

hören, was der Vater sagt.

Niemals Widerworte geben,

nirgends Kaugummi hinkleben,

nicht die Wand als Malblock nutzen,

immer brav die Zähne putzen,

 

Kinderzimmer stets aufräumen,

in der Schule niemals träumen.

Mit dem Bruder sich nicht streiten,

brav zu Bett gehen beizeiten,

leise draußen sein beim Spielen

und nur nicht im Matsch rumwühlen.

 

Solche reinen Musterknaben

will ich die tatsächlich haben?

Will ich wirklich solche  Engel,

oder lieber Lausebengel,

voll mit Tricks und Pfiffigkeit,

Unsinn und Schlitzohrigkeit?

 

Kinder, die sich auch mal trauen,

heimlich Obst vom Baum zu klauen,

die schon mal die Suppe schlürfen,

kurz, die wirklich Kind sein dürfen,

auch wenn mal das Mundwerk lose

und zerrissen manche Hose,

Nachbars Fenster brach entzwei,

weil der Torschuss ging vorbei.

 

Meine beiden Enkelkinder

sind solch liebenswerte Sünder.

Ich bin glücklich, sie zu haben,

meine beiden „Musterknaben“.





Freitag, 07. September 2012

Streit

Von mirabelle48, 00:14

Heftig  streiten sich die beiden,

wer denn wohl der Stärkste sei,

kann für keinen mich entscheiden,

hilflos schau ich auf die Zwei.

 

„Ich, der Sommer“, sagt der eine,

„räum dem Herbst noch nicht das Feld.

Diese Bühne, die ist meine,

auch wenn es ihm nicht gefällt“.

 

Daraufhin der Herbst entgegnet:

„Gib mal nicht so schaurig an,

erst warst du total verregnet,

jetzt mimst du den starken Mann.

 

Schnaufst doch schon mit letzten Zügen,

der Kalender zeigt es an,

wirst bald ganz am Boden liegen,

weil nur ich gewinnen kann“.

 

 „Aber bis es soweit ist,

ist bei mir die Vorherrschaft.

Hab noch eine Gnadenfrist,

Sonne scheint mit voller Kraft“.

 

Statt euch ständig zu behacken,

sagt mir lieber, das wär’ toll,

T-Shirt oder warme Jacken,

was ich heute anziehn soll?