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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



Donnerstag, 30. August 2012

Talfahrt

Von mirabelle48, 17:14


Alle Welt hat sich verschworen,

grausam schlug das Schicksal zu.

Was einst dein war, ging verloren,

schuldig jeder, nur nicht du.

 

Übersehn die Warnsignale,

überhört, was gut gemeint.

Abwärts dreht sich die Spirale.

Unaufhaltsam, wie dir scheint.

 

Fünf vor zwölf, doch nicht das Ende.

Stopp die Talfahrt, schau nicht zu!

Es gibt ausgestreckte Hände,

sie ergreifen, das musst du.

Samstag, 25. August 2012

Das muss ja mal gesagt werden...

Von mirabelle48, 11:49


Wenn es im Sommer nachmittags an Lieses Tür klingelt, dann stehen in der Regel, wenn sie öffnet, zwei acht und zehnjährige Kinder davor. Erhitzt vom Spielen, mit schmutzigen Händen und je nach Wetterlage  auch mit verdreckten Schuhen, einem nicht weniger schmuddeligen Fußball unterm Arm, natürlich nicht, ohne im Treppenhaus bis zur ersten Etage einen Höllenlärm zu machen, kleine Jungs können nämlich nicht leise, und begehren Einlass.

Die Begrüßung der beiden Jungs hat  sich inzwischen zu einem Ritual entwickelt: „Oma, wir wollten dich nur mal besuchen“, Küsschen rechts, Küsschen links um dann ganz schnell fort zu fahren: „wir haben Durst, wir müssen dringend auf die Toilette, dürfen wir ein Eis?“

Ob Liese überhaupt ein Eis hat, das wird erst gar nicht gefragt, so etwas ziehen die jungen Herren nicht in Erwägung, kennen sie doch ihre Oma, die mittlerweile gefühlte tausend Euronen allein in diesem Sommer für ihre beiden Fußballhelden ausgegeben hat.

Sie hat, natürlich hat sie.

Beide verspeisen dann genüsslich das Eis, um dann so schnell, wie sie kamen, auch wieder zu verschwinden. Manchmal hat Liese das Gefühl, sie benutzen ihre Wohnung als Halbzeitkabine.

Doch manchmal ist alles ganz anders, so wie gestern zum Beispiel.

Es läutet an der Tür, es ist erstaunlich ruhig im Treppenhaus, Liese staunt. Es kommt nur der Größere der beiden,  fast lautlos die Treppe herauf, hat den Fahrradhelm auf dem Kopf und keinen Fußball unterm Arm und sagt artig: „Hallo Oma, wie geht es dir? Ich habe eine Fahrradtour gemacht und wollte dich mal besuchen.“

Nimmt den Helm ab, hängt ihn ordentlich an den Garderobenhaken und setzt sich in den Sessel. Liese ist verblüfft. Keine Frage nach etwas zu trinken oder nach einem Eis, sondern fast schon beängstigend anmutendes gesittetes Sitzen im Sessel und erzählen, welche Strecke er mit dem Fahrrad abgefahren ist. Liese indessen erkundigt sich interessiert, wie es ihm denn nun nach zwei Tagen auf der weiterführenden Schule gefällt, schließlich ist nun manches anders in seinem Schulleben. Sie hat ihn zusammen mit seinen Eltern bei der Einführungsfeier in der neuen Schule vor zwei Tagen begleitet.

Bereitwillig gibt der junge Mann Auskunft, er fühle sich dort sehr wohl und dann  plötzlich  Schweigen.  Liese empfindet es als abwartend und bricht es schließlich mit der Frage: „Möchtest du vielleicht ein Eis?“ Glucksendes Lachen ist die Folge und die Antwort: „Ach Oma, du weißt doch immer, was ich gerade möchte“. Mit Hingabe wird die kühle Köstlichkeit  gegessen und kaum ist der Mund leer, steht er auf, schnappt sich seinen Fahrradhelm und sagt ganz ernsthaft: „So, ich erweitere jetzt mal meine Fahrradtour. Tschüß Oma, es war schön, dich wieder mal gesehen zu haben“ und ehe Liese sich versieht, ist der nachmittagliche Besuch verschwunden.

 

Liese fragt sich jetzt, was um Himmels Willen ist in den vergangenen zwei Tagen, die sie ihren Enkel nicht gesehen hat, wohl passiert, dass aus dem Rabauken ein höflicher junger Mann geworden ist?

 

Foto: Dieter Schütz / Pixelio.de (bearbeitet)

Montag, 20. August 2012

Licht im Dunkel

Von mirabelle48, 15:14


Fast unbemerkt begann für dich die Reise,

ganz ohne Abschied, ohne Lebewohl,

du hast sie angetreten still und leise,

und weißt nicht, wo sie einmal enden soll.

 

Die Straße, die du gehst, ist das Vergessen,

sie führt in eine Richtung nur- zurück.

Mit jedem Tag verlierst du unterdessen

für Gegenwart und Zukunft deinen Blick.

 

Gedanken wandern planlos hin und her,

der Nebel des Vergessens macht dich blind.

Die Tochter, die erkennst du schon nicht mehr,

sie wird zur Mutter und du wirst ihr Kind.

 

Und als ein Kind hast du nun neu entdeckt,

die Lebenswelt, die dich ab jetzt umgibt.

Was du einst konntest, nach und nach versteckt,

verborgen das, was du einmal geliebt.


Ein Kind, das nur noch mir den Augen spricht,

in denen, was du fühlst, zu lesen ist,

und manchmal leuchtet darin hell ein Licht,

weil du in deiner Welt auch glücklich bist.



Samstag, 18. August 2012

Allen Menschen recht getan...

Von mirabelle48, 08:45
...ist eine Kunst, die niemand kann




  Lange hab ich drauf gewartet,
     dass der Sommer mich beehrt.
     Endlich hat er durchgestartet
     doch jetzt ist es auch verkehrt.

     Mir ist nun die Bullenhitze
     plötzlich auch nicht angenehm,
     leide, weil ich ständig schwitze,
     fühl mich träge und bequem.

     Vorher wars der Dauerregen,
     der mich depressiv gemacht.
     Kühle käm mir jetzt entgegen,
     doch die gibt es nur bei Nacht.

Sommersonne zu genießen
war vor Wochen mein Begehr.
Doch jetzt droh ich zu zerfließen,
jede Regung fällt mir schwer.

  Die Moral von der Geschicht:
Wie das Wetter auch grad ist,
was man hat, gefällt oft nicht.
Man liebt das, was man vermisst.

Samstag, 11. August 2012

Karussell

Von mirabelle48, 12:32

Ohne einen Chip zu lösen

nur mit einem Freifahrtschein

ist es plötzlich da gewesen,

stieg ganz ungebeten ein.

 

Macht sich täglich breit und breiter

okkupiert das Karussell.

Unentwegt dreht es sich  weiter,

manchmal langsam, manchmal schnell.

 

Doch auch wenn ab jetzt das Alter

mit dir seine Runden dreht,

erst wenn einst wer drückt den Schalter,

stoppt das Karussell und steht.

Sonntag, 05. August 2012

Olympia - Dabei sein ist alles?

Von mirabelle48, 12:38


Hunderte von Top-Athleten
sind in London angetreten,
um im Wettstreit sich zu messen.
Auf den Sieg sind sie versessen.
Gold ist für sie sehr begehrlich
doch es kriegen, arg beschwerlich.

Nur dabei sein alles sei

dachte man einst frank und frei.
Für die Sportjugend der Welt
hat die Ehre nur gezählt
und zum Lohn, ganz ohne Glanz,
gab's nur einen Lorbeerkranz.

Doch das ist Vergangenheit,

denn es zählt in unsrer Zeit
für den Sportler nur das Gold,
was er bei Olympia holt.
Erster sein um jeden Preis
darauf ist er heute heiß.

Wenn's auch für ihn selber schlecht,

jedes Mittel ist ihm recht
und so führt zur Akzeptanz
manch verbotene Substanz,
wenn er, nur aus eigner Kraft,
das begehrte Ziel nicht schafft.

Wenn er jedoch hat gesiegt

und die Goldmedaille kriegt,
Massen ausbrechen in Jubel,
rollt für ihn ganz schnell der Rubel.
Wenigstens bis in vier Jahren
andere noch besser waren.
.

Samstag, 04. August 2012

Immer wenn du Geburtstag hast...

Von mirabelle48, 22:42


 

...werde ich sentimental, je älter du wirst, je mehr.

Ist es wirklich schon mittlerweile 39 Jahre her, dass man mir ein kleines schreiendes Bündel in den Arm legte und ich kaum glauben konnte, dass dieses Wunder mir passiert war?

Deinen Protest gegen das Verlassenmüssen deines warmen Nestes nahm ich mit großer Freude und unbändigem Stolz wahr.

War es nicht erst vor kurzem,

  •  dass du das erste Mal „Mama“ sagtest?
  • dass ich dich trösten durfte, wenn du bei deinen ersten Gehversuchen   wieder mal hingefallen bist und dann weintest?
  • dass du das Wort "Nein" entdecktest?
  • dass bei deinen ersten Essversuchen ohne meine Hilfe, dein Gesicht von der Stirn bis hin zum Hals mit Schokocreme oder Marmelade beschmiert war?
  • dass du mir den Spinat, den du so gar nicht zu mögen schienst, über meine neue Bluse spucktest?
  • dass du, wenn du etwas ausgefressen hattest, ich dahinter kam, du erstaunt fragtest, woher ich das denn nun schon wieder wüsste?
  •  dass ich dir dann erklärte,  dass Mütter überall Augen haben und sogar durch Wände sehen könnten?
  • dass ich mich um dich fast zu Tode ängstigte, als du die Masern hattest und  drohtest, am Masernkrupp zu ersticken? Nächtelang ich nicht schlief und deinen schweren Atem beobachtete?
  • dass du im Kindergarten dich im Spielzeugschrank verstecktest und die gesamte Betreuerschar dich stundenlang suchte, weil du darin eingeschlafen warst?
  •  dass wir gemeinsam die schwere Zeit bewältigten, als dein Vater starb? 
  • dass ich dann irgendwann erkennen musste, dass ich nicht die Einzige war, die du liebtest, sondern deine Liebe mit anderen weiblichen Wesen teilen musste?
  • dass du, der du lange Zeit Null Bock auf Schule hattest, mir freudestrahlend erklärtest, du wollest jetzt doch noch das Abitur machen?
  • dass du es mit Bravour schafftest?
  • dass  du keinen Zivildienst machen wolltest, sondern deinen Wehrdienst,  unsere endlosen und Nächte lang dauernden  Diskussionen über das Für und Wider?
  • dass du dann wegen einer sehr seltenen Krankheit fast deine ganze Bundeswehrzeit im Bundeswehrkrankenhaus zu gebracht hast? Wie erleichtert wir waren, dass es gut ausging für dich, aber auch für mich?
  • dass du nicht studiertest, sondern eine Ausbildung machtest?
  • dass  du, der immer behauptet hatte, nie heiraten zu wollen, dann doch genau dies tat?
  • dass du mich zur Großmutter machtest, und das gleich zweimal?
  • dass du nach dem Scheitern deiner Ehe  als allein erziehender Vater dein Leben meistertest?
  • dass  du mir erlaubtest, dir dabei zu helfen?
  • dass du, obwohl die Kinder nun seit langem schon bei ihrer Mutter leben, ihnen trotzdem ein guter Vater geblieben bist?

Ja, mein Sohn, immer, wenn du Geburtstag hast, werde ich sentimental, und weißt du was?

Ich bin ungeheuer stolz auf dich.