Noch lang nicht am Ende
Von mirabelle48, 11:08www.youtube.com/watch?v=tlydkt2CyDw
Es ist ein kalter, trüber Dezembernachmitttag. Schnee liegt in der Luft. In der vorweihnachtlich hell erleuchteten Einkaufsstraße meiner Stadt herrscht reges Treiben. Weihnachtlich mehr oder weniger kitschig dekorierte Schaufenster der Geschäfte und Warenhäuser locken Kunden an, offenbar mit gutem Erfolg, denke ich mir, denn fast alle tragen prall gefüllte Tüten oder Pakete mit dem Aufdruck der unterschiedlichen Läden mit sich, einige auch Pakete, die schon in Weihnachtspapier verpackt sind. Und alle scheinen es sehr eilig zu haben, in ihre warmen Wohnungen zu kommen. Es ist wahrlich sehr ungemütlich.
Auch ich habe es eilig, ich hatte einen Arzttermin und wenn ich forsch weiter gehe, dann kann ich den Bus noch erreichen, der mich in den Stadtteil bringen soll, in dem ich wohne. Ich möchte ihn unbedingt noch erwischen, denn die Aussicht, eine halbe Stunde bei diesem Usselwetter auf den nächsten warten zu müssen, ist mir ein Graus.
Durch die Geräusche der Fußgängerzone - Rock-Christmas-Gedudel aus unterschiedlichen Geschäften, einen Straßenmusikanten, der seine Geige mit Jingle Bells quält, schräg gegenüber El Condor pasa einer Panflöten-Truppe in bunten Pochos, laute Handytelefonierer, quengelnde Kinder, energisches Schimpfen genervter Eltern und einem vom Wind aus der parallel verlaufenden Hauptverkehrsstraße herüber gewehten Tatütata eines Krankenwagens - höre ich plötzlich jemanden meinen Namen unsicher fragend rufen.
Ich stutze, die Stimme kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen, wo ich sie schon einmal gehört habe. Und dann sehe ich ihn am Rande der Fußgängerzone, neben dem Eingang des größten Kaufhauses unserer Stadt: Einen Mann, schätzungsweise in meinem Alter, kauernd auf einer karierten Decke sitzend, bekleidet mit einer Jacke, die für diese Temperaturen viel zu dünn erscheint und schon wesentlich bessere Tage gesehen hat, wirr das graue Haupthaar, verfilzt der Bart, der es fast unmöglich macht, sein Gesicht zu erkennen. Vor ihm auf der Decke liegt ein verbeulter alter Hut, in dem sich einige Münzen befinden. Alles in Allem ein Bild des Jammers.
Faltig die Hand, die er mir nun entgegen streckt und als ich in seine Augen schaue, die mich verschmitzt anlächeln, da dämmert es mir:
Das muss Chris sein, der mit mir gemeinsam damals in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts seine Ausbildung machte zum Krankenpfleger. Ein Klassenclown par excellence, der uns und unsere Dozenten ein ums andere Mal zum Lachen brachte, ständig irgendwelche Streiche ausheckte, wobei er Letztere oft an den Rand des Wahnsinns trieb, bei den Patienten jedoch wohl gerade deshalb besonders beliebt war. Nach unserem Examen wechselte er der Liebe wegen das Bundesland und wir verloren uns aus den Augen.
Vergessen ist mein Bus, den ich doch unbedingt noch erwischen wollte, ich spüre auch die Kälte nicht mehr. „Chris?“ frage ich ebenso vorsichtig, wie er meinen Namen nannte.
„Ja, da staunst du“, antwortet er. „Ich habe Zeit, wollen wir in der Cafeteria des Kaufhauses einen heißen Tee trinken und etwas essen? Dann können wir auch ausgiebig quatschen“, schlage ich vor.
„Sehr gerne“, sagt er, packt seine wenigen Habseligkeiten zusammen und folgt mir ins Kaufhaus.
Und dann erzählt er: Von seiner zerbrochenen Beziehung, dass der Unterhalt für seine Exfrau und die 3 Kinder ihm wenig nur zum Leben ließ, die Krankheit, die ihn aus der Bahn warf, seine Flucht vor seinen Problemen in den Alkohol, dem er aber seit einigen Jahren schon abgeschworen hat, von seinem Verlust der Wohnung, weil er Miete und Strom nicht mehr bezahlte und von seinem Leben auf der Straße. Arbeiten konnte er nicht mehr. Und so tingelte er durch die Republik und lebte von dem, was die Menschen ihm in seinen Hut warfen und sammelte Pfandflaschen, seine Kinder hatten sich von ihrem obdachlosen Vater abgewendet. Aber seine Augen blitzen schelmisch wie früher, als er sagt: „Ich bin zufrieden, ich bin frei, mir geht es gut, im Sommer schlafe ich im Freien, im Winter verbringe ich die Nächte in einer Einrichtung für nicht sesshafte Obdachlose. Aber jetzt erzähl mir mal, was du die ganzen Jahre so getrieben hast“.
Und auch ich erzähle und als das Kaufhaus schließt, merke ich erst, dass ich mich nun wirklich sputen muss, um den nächsten Bus zu kriegen, denn jetzt fährt er nur noch stündlich.
Wir trennen uns und gehen in entgegengesetzten Richtungen in den Abend.
Als ich einige Tage später wieder dort vorbeigehe, ist sein Platz leer und auf meine Nachfrage im Heim, erfahre ich, dass er wohl weiter gezogen ist.
Mach‘s gut Chris, es war schön, dich getroffen zu haben.


