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Gedankenreise

Wenn Gedanken auf die Reise gehen, entsteht manches Gereimte und auch Ungereimte.



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Samstag, 15. Oktober 2011

Du bist etwas ganz Besonderes

Von mirabelle48, 17:54

Es war 1 Woche vor deinem errechneten Geburtstermin. Warum es so war, weiß ich nicht mehr, aber ich entschloss mich, Überstunden abzubauen und war dadurch schon um 15.00 Uhr zu Hause.

Deine Mutter traf ich weinend dort an. Eine werdende Mutter sollte nicht weinen, sie sollte sich freuen und glücklich sein. Als sie mir sagte, dass sie starke Schmerzen hatte, die aber keine Wehen waren, rief ich deinen Vater an und sagte ihm ich würde deine Mama jetzt sofort ins Krankenhaus fahren. Er wollte dann sofort dorthin kommen.

Deine Mama erzählte mir auf der Fahrt unter Tränen, dass du heute erschreckend ruhig in ihrem Bauch warst. Ja, mein Lieber, ansonsten hast du immer sehr heftig getreten und geboxt, wir schlossen daraus, dass du entweder mal ein richtig guter Fußballspieler oder ein berühmter Boxer werden würdest. Diese Ruhe war bestimmt kein gutes Zeichen.
Leider war sie es wirklich nicht. Das CTG verzeichnete nur ganz schwache Herztöne von dir.

Eile war geboten, sie komplimentierten mich aus dem Kreisssaal und bereiteten alles für einen Notkaiserschnitt vor. Dein Papa schaffte es gerade rechtzeitig, um deine Mama in den OP zu begleiten. Und ich stand auf dem Flur davor, machte mir große Sorgen um euch beide und dachte an deinen „großen Bruder“, der mit seinen 18 Monaten doch auch noch ein Winzling war und jetzt von der Nachbarin betreut wurde.

Kleiner Mann, wir alle haben dich die ganze lange Zeit freudig erwartet. Dein Papa war stolz, dass er einen zweiten  Sohn bekommen sollte, deine Mama war voller Zärtlichkeit für dich und dein Brüderchen strich täglich neugierig über den sich immer stärker wölbenden Bauch deiner Mama und sagte strahlend „Baby“.

Tja, und ich, deine Oma freute sich mit ihnen, machte mir jedoch auch Sorgen, nicht zuletzt um die finanzielle Zukunft der kleinen, nun größer werdenden Familie. So sind sie, die Großmütter, mein Kleiner, sie denken oft etwas realistischer, weil sie selbst schon so einige Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt haben.

Dann hörte ich die Sirene eines Krankenwagens und einige Augenblicke später eilten Männer mit einem Inkubationsbett an mir vorbei in den OP-Flur und mir war klar, dein Start in diese Welt war kein normaler.

Und wieder hieß es warten, wie mir schien endlos lang. Doch dann kam eine der Schwestern aus dem OP und ich durfte zu deinen Eltern. Deine Mutter lag schon in wieder in ihrem Bett im Vorraum und sie schlief. Dein Vater nahm mich leichenblass mit Tränen in den Augen in die Arme und sagte: „Ach, Mama, drück die Daumen, dass es gut ausgeht“, und er zitterte dabei.


Einen ganz kurzen Blick konnte ich auf dich werfen, bevor sie dich in die Intensivstation der Kinderklinik brachten, ein winziges Etwas, das ich vor lauter Schläuchen kaum ausmachen konnte, aber mein zweiter Enkel.

Dann endlich hatten die Ärzte Zeit, mit uns zu sprechen. Vielleicht hast du im Bauch deiner Mama viel zu wild herumgeturnt, jedenfalls hattest du dir die Nabelschnur mehrmals um den Hals gewickelt und als die Ärzte dich aus dem Bauch deiner Mama holten, schlug dein Herz nicht mehr. Aber sie reanimierten dich. Und du hast wohl kräftig mit gekämpft, sie schafften es, dich ins Leben zurück zu holen. Doch niemand wusste genau, wie lange du schon klinisch tot warst, sicher nur kurz, aber alle machten sich jetzt große Sorgen um dich.
Nur deine Mama noch nicht, die schlief noch.

Doch du zeigtest es uns allen. Nach 2 Tagen bereits brauchtest du nicht mehr beatmet zu werden, weitere 5 Tage später konntest du die Intensivstation verlassen und als du auch gelernt hattest, selbst zu trinken, da durftest du nach Hause.
Und mit jedem Monat, den du älter wurdest, zeigtest du uns, was für ein Dickkopf du bist.

Ein kräftiger Junge, der immer bis an die Grenzen geht. Dem kein Baum zu hoch, kein Graben zu breit ist. Der uns jeden Tag erneut zu verstehen gibt, dass er stark ist, eben eine richtige Kämpfernatur, manchmal auch voller Jähzorn, wenn etwas nicht auf Anhieb so klappt, wie er es sich vorstellt. Meist jedoch fröhlich und liebenswert und lernbegierig.

Und während ich auf den Kuchen, den ich für deinen morgigen Geburtstag gebacken habe, eine "8" male, kommt mir wieder in den Sinn: Ja, kleiner Mann, du bist etwas ganz Besonderes.